Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Juvenile Migräne – „Wie ein Unwetter in meinem Kopf“

So sollte es immer sein aber...

So sollte es immer sein aber…

In dem letzten Jahren hat sich die Zahl der Migräne-Kinder vervielfacht. Ob dies nun daran liegt, dass es tatsächlich mehr Fälle gibt oder ob endlich eine größere Sensibilität aufkommt, kann schlecht beurteilt werden. Vermutlich ist beides gleichermaßen richtig.

In einigen Dingen unterscheidet sich die Juvenile Migräne von der bei Erwachsenen. Zum Beispiel ist der Kopfschmerz meist nicht eingegrenzt. Die Anfälle können zwischen einer halben Stunde und mehreren Tagen dauern. Sie kommen oft aus heiterem Himmel und werden durch Reize wie Wachstum, Entwicklung, Infekte oder anderen ausgelöst. Auch wenn sie durchaus Muster aufweisen, verhalten sie sich chaotischer als die Migräneattacken bei Erwachsenen.

Woher dieses Phänomen kommt, ist weitgehend ungeklärt. Tatsache ist, dass bei vielen Migräne-Kindern die Krankheit in der Familie liegt, es scheint also durchaus einen genetischen Faktor zu geben. Tatsache ist auch, dass viele Migräne-Kinder mit der Pubertät von der Krankheit frei werden, ein Zusammenhang mit der Körperchemie scheint also ebenfalls vorhanden zu sein.

Gewitter

Ein Migräne-Kind erzählt

Da alle Theorie grau ist, sollte hier ein betroffenes Kind selber erzählen. Die Eckdaten: Er wird in Kürze 12 Jahre alt und ist bereits seit sechs Jahren in fachärztlicher Behandlung. Was die Migräne für ihn bedeutet, wie sein Umfeld reagiert und was er bei Ärzten erlebt hat, berichtet er in diesem Interview.

Frage: Hallo! Schön, dass Du erzählen willst, wie es Dir mit der Migräne geht. Wie fühlt sich ein Migräneanfall eigentlich an?

Antwort: Du hast doch bestimmt schon mal einen richtigen Gewittersturm im Sommer erlebt, oder? Es fühlt sich an, als würde so ein Sturm in meinem Kopf sein. Mir ist dann schlecht, manchmal schwindelig und ich habe schlimme Kopfschmerzen. Jeder Pulsschlag fühlt sich dann an, als würde mir jemand mit einem Hammer auf den Kopf hauen.

Frage: Wann hat das denn angefangen?

Antwort: Das erste Mal ist das im Kindergarten passiert. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich muss hier weg. Auf einmal war alles zu laut und zu viel. Die Kindergärtnerin meinte, ich hätte nur keinen Bock und sagte, ich muss jetzt da bleiben. Da hab ich in den Stuhlkreis gebrochen. Die anderen haben mich ausgelacht und die Kindergärtnerin war ziemlich sauer.

Frage: Und dann?

Antwort: Als meine Mama mich am Mittag abgeholt hat, hat die Kindergärtnerin davon erzählt. Dann wurde meine Mama richtig böse und fragte sie, warum sie denn die Mama nicht sofort angerufen hätte? Die Mama hat mit Gott sei  Dank geglaubt. Ich hab mich dann daheim hingelegt und danach war es wieder besser. Am Anfang kam das nur ganz selten, dann aber, schon in der Schule, öfter. Da ist meine Mama mit mir zum Doktor gegangen.

Frage: Was hat denn der Doktor dann gemacht?

Antwort: Der war sehr nett zu mir. Er wollte genau wissen, wie sich die Schmerzen im Kopf anfühlen, und was sonst noch passiert. Dann hat er mir so eine Mütze aufgesetzt mit lauter Knöpfen. An die Knöpfe kamen Kabel. Ich hatte ein bisschen Angst, aber der Doktor hat mir erklärt, dass die Knöpfe horchen, was mein Gehirn macht. Das heißt EEG. Bei mir war nichts besonderes. Da sagte der Doktor zur Mama, dass ich wahrscheinlich Migräne habe, er wollte aber vorsichtshalber noch ein CT. Das ist eine spezielle Röntgenaufnahme von meinem Kopf. Ich bin dann mit der Mama zu einem anderen Arzt. Das CT sieht fast so aus, wie unsere Waschmaschine und macht auch ganz ähnliche Geräusche. Ich musste mich auf eine Liege legen, die fahren konnte. Mit einem Lichtstrahl hat die Frau, die das gemacht hat ein Kreuz auf meine Stirn gemalt und mich dann an eine bestimmte Stelle gefahren. Dann musste ich ganz ruhig liegen und die Maschine hat bisschen gesummt.

Frage: Hast Du Angst gehabt?

Antwort: Ein bisschen schon, aber die Mama war dabei. Danach hat der Arzt gesagt, dass mein Gehirn sehr schön aussieht und alles normal ist. Ich habe also wirklich „nur“ Migräne.

Frage: Da war die Mama bestimmt erleichtert, oder? Wie war das dann in der Schule? Hat die Mama den Lehrern Bescheid gesagt?

Antwort: Ja wir waren alle erleichtert. Mama hat dann den Lehrern gesagt, dass ich Migräne habe. Denen war das aber egal. Der Lehrer in der 3. meinte sogar, er hätte noch nie gehört, das Kinder Migräne haben könnten, das wäre Quatsch. Wenn er die Mama anrufen musste, weil es mir schlecht ging hat er dann ganz gemein gesagt: „Ihr Sohn ist mal wieder leidend.“ Ich hätte ihm eine knallen können, wenn mir nicht so schlecht gewesen wäre. Aber man darf ja Lehrer auch nicht hauen. Am schlimmsten war es im Landschulheim. Mama war bei ihm und hat ihm gesagt, das ich nicht hin will, wegen der Migräne. Der wollte aber unbedingt, dass ich mitfahre. Also hab ich das gemacht. Am zweiten Tag kam dann ein Anfall. Ich musste immer wieder raus aus dem Spiel und brechen. Ab dem zweiten Mal ist der Lehrer mitgegangen und hat mir zugeschaut. Das war vielleicht peinlich! Ich durfte meine Tabletten nicht nehmen. Dann wurden die Schmerzen so schlimm, dass ich nichts mehr außer Schmerzen mitgekriegt hab. Da hat er daheim angerufen und mich holen lassen. Papa und mein großer Bruder sind dann gekommen. Mama muss wohl sehr böse gewesen sein, denn Papa hat zu meinem Lehrer gesagt, er könne froh sein, dass Mama schon auf der Arbeit war, als er angerufen hat.

Frage: Das ist aber doch gemein, wenn man dir nicht glaubt, oder?

Antwort: Ja ganz gemein. Meine Freunde gehen da viel entspannter mit um. Wenn es mir nicht gut ist, bringen sie mich heim oder lassen mich einfach in Ruhe. Weil ich in der Schule immer Angst hatte, weil mir ja keiner hilft bei nem Anfall, wurde ich immer schlechter. Inzwischen bin ich auf einer Förderschule, da sind die Lehrer lieb und haben Verständnis. Wenn es mir da schlecht geht, darf ich mich hinlegen.

Fortsetzung folgt….

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Interview Teil 2: „Mein Kopf ist mein Freund geworden“

Unwetter

Frage: Wie hat sich die Migräne denn entwickelt? Gibt es da Gewohnheiten, die Du kennst?

Antwort: Immer wenn das Wetter sich ändert, kriege ich oft schlimmes Kopfweh. Im Herbst und im Winter ist es am Schlimmsten. Anfangs hab ich meinen Kopf gehasst, weil er immer so weh tut. Aber mit der Zeit habe ich mir überlegt, dass er ja vielleicht gar nichts dazu kann und auch traurig ist. Jetzt sag ich meinem Kopf immer, dass ich ihm nicht böse bin und das wir das schaffen. Meistens kann ich dann einschlafen und danach geht es mir besser. Dieses Jahr ist es schlimmer geworden, da ist die Mama wieder mit mir zum Doktor.

Frage: Und was hat der gesagt? Ist das ein schlechtes Zeichen?

Antwort: Er hat mir stärkere Medizin verschrieben und mir erklärt, dass meine Pubertät, die angefangen hat bedeutet, dass sich in meinem Körper manchmal sehr schnell viel verändert. Viele Migräne-Kinder haben danach kein Kopfweh mehr. Aber vorher kann es sein, dass die Migräne noch einmal richtig aufdreht, das Abschlussfeuerwerk sozusagen. Die Mama und ich schreiben immer auf, wann ich Kopfweh habe und was noch dabei ist.

Frage: Merkst Du, wenn die Kopfschmerzen kommen?

Antwort: Meistens ja. Vorher tun mir die Augen oft weh als würde das Licht wie kleine Pfeile rein schießen. Mir ist dann manchmal ganz komisch, so als wäre ich hohl. Alles ist mir zu viel und jeder nervt mich. Sonst ist das nicht so. Meistens kommen dann bald die Kopfschmerzen. Aber manchmal fangen die auch einfach so an.

Frage: Wie lange dauert so ein „Unwetter im Kopf“ bei Dir?

Antwort: Manchmal echt nur ein paar Minuten. In der Zeit würde ich am liebsten aus meinem Körper weglaufen, weil es so weh tut. Solche Anfälle sind dann auch ganz plötzlich weg, so als würde man sie einfach aus machen. Manchmal dauert es ein paar Stunden oder sogar zwei oder drei Tage. Nervig sind die Kopfschmerzen, die eigentlich nicht so schlimm sind, aber einfach nicht gehen wollen. Die machen mich müde und nerven mich, weil ich dann zu nichts Lust habe. Ich kann dann nicht so gut schlafen. Der Doktor hat gesagt, dass bei Migräne-Kindern sich die Migräne oft verhält wie ein ungezogenes Kind. Sie hält sich nicht an Regeln. Man kann dann nie so genau wissen, wie schlimm es wird. Und manchmal hört sie nicht einmal auf die Medizin und geht, wenn sie das soll.

Frage: Wie geht Deine Familie damit um? Helfen sie Dir?

Antwort: Meine Eltern sind echt cool. Die stehen voll hinter mir und glauben mir auch. Sie haben immer wieder mit Lehrern gestritten, damit sie gefälligst auf mich aufpassen. Meine großen Geschwister haben das auch gehabt. Mein Bruder hatte nicht so viel Kopfweh, dem wurde aber so schwindelig, dass er sogar umgekippt ist. Meine Schwester hat nur selten Anfälle gehabt, dann aber auch so schlimm brechen müssen, wie ich. Wenn es mir schlecht geht, dann sitzt meine Schwester bei mir und tröstet mich. Von meinem Bruder kriege ich dann das Ipod und darf leise Musik hören oder spielen, damit ich die Schmerzen vergesse. Er macht dann auch Witze oder gibt mir was zu trinken. Von der Mama kriege ich dann ihren Teddybären, der zaubern kann. Ich nehme ihn in den Arm und dann kriegt die Migräne Angst und rennt davon. Der Papa hat mir was gebaut, damit ich die Fenster in meinem Zimmer dunkel machen kann. Wenn ich auf der Couch einschlafe, trägt er mich ins Bett.

Frage: Was möchtest Du vielleicht anderen Migräne-Kindern sagen? Lehrern oder Eltern?

Antwort: Die Kinder sollen sich nicht unterkriegen lassen. Die Chancen sind gut, dass das Migräne-Monster geht, wenn man groß wird. Sie sollen es auch den Eltern und den Lehrern sagen, weil die nur dann helfen können. Von meinen Eltern hab ich gelernt, dass man sich nicht schämen muss, wenn man es nicht aufs Klo schafft zum Brechen und dass es okay ist, wenn man keine Lust auf nichts hat. Die Eltern sollen ihren Kindern zu hören, weil so ein Anfall echt schlimm ist. Selbst wenn man sich erkältet, fühlt man sich nicht so schlecht, wie beim Unwetter im Kopf. Und die Lehrer sollen auch zu hören, wir tun nämlich nicht nur so. Tatsächlich versuchen wir so lange wie möglich, cool zu bleiben, schließlich wollen wir nicht von Klassenkameraden als Weichei hingestellt werden.

Interviewer: Danke, dass Du uns erzählt hast. Bestimmt werden viele Leute genauer hin hören. Dir wünsche ich, dass Du auch zu den Kindern gehörst, vor denen das Migräne-Monster wegläuft, wenn sie größer werden.

Jede Nacht geht vorbei, und auch so manche Migräne

Jede Nacht geht vorbei, und auch so manche Migräne

Weiterführende Links

Wenn Ihr Interesse nun geweckt ist, können Sie sich auf folgenden Seiten weiter informieren:

http://www.schmerzklinik.de/wp-content/uploads/2009/02/kinder.pdf

http://www.kinderarzt.at/de/lexikon/subject/kopfschmerz-und-migraene-bei-kindern/

http://www.stern.de/kopfschmerz/erkrankungen/migraene-bei-kindern-wie-bauchweh-im-kopf-597447.html

http://www.stern.de/kopfschmerz/aktuelles/kopfschmerz-bei-kindern-kleine-koepfe-grosses-weh-597351.html

http://www.diagnose-migraene.de/service-rund-um-kopfschmerzen-und-migraene/gratis-migraenekalender-und-kopfschmerzkalender-fuer-kinder.html

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