Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Die Geschichte vom Silberraben

Wenn es in Irland zu dämmern beginnt, die Insel nach Torffeuern duftet und der Ozean die Klippen umtost wie schon seit Jahrhunderten, gehen die Iren ihren liebsten Beschäftigungen nach, sie singen oder erzählen Geschichten. So will auch ich nun erzählen.

Auf einer Klippe lebte einst eine Kolonie Raben. Sie führten ein Leben so recht nach Rabenart. Suchten nach Futter, erzogen ihre Jungen und spielten im Wind. Einer unter ihnen war besonders stolz auf seine tollkühnen Flugkünste. Er übertraf alle anderen jungen Raben an Mut und Geschicklichkeit. Die Alten sahen dies mit milder Missbilligungen, manche seiner Geschwister mit unverhohlener Abneigung und Neid. Als er wieder einmal versuchte, mit einem Sonnenstrahl um die Wette zu fliegen rief er: „Hört, dies ist meine Vision! Ich werde der Größte unter den Raben werden. Und ich werde zu Briga, der Erhabenen und Schönen fliegen und alle magische Macht fordern, wenn ich das Sonnenlicht an Geschwindigkeit übertroffen habe!“ Der junge Rabe verehrte eine hübsche Rabendame, die ihn allerdings meist zu übersehen pflegte. Eines Tages fand er zwischen den Klippen eingeklemmt eine Muschel, in der eine wundervolle Perle lag. Er wollte sie seiner Angebeteten schenken, den die Schönheit dieser Gabe würde ihr Herz schon öffnen. In tollkühnem Sturzflug raste er in die Spalte. Einen Moment hatte er Angst vor der eigenen Courage und versuchte zu bremsen. Dabei riss er sich beide Flügel ab.

Schwer verletzt kletterte aus der Spalte und musste von nun an am Boden bleiben. Der Hohn seiner Brüder war ihm sicher, wenn er am Boden nach dem suchte, was ihnen herab fiel um nur ein wenig Futter zu finden. Sein Herz wurde immer schwerer, und so begann er eines Tages, zu laufen. Immer zu. Durch Regen und Wind, durch Sonnenschein und Mondschimmer lief er. Irgendwohin. Bis er eines Tages vor einer Höhle stand. Süßer Gesang war zu hören und der liebliche Duft von Blumenessenzen umwehte den erschöpften Flügellosen. Erschrocken erkannte er den Ort: Briga war es, die hier wohnte. Er wollte fliehen, doch er war zu schwach. Die Göttin erschien und nahm den Raben behutsam auf. „So bist du also hier, wie du es sagtest.“ Der Rabe schämte sich sehr und nickte betreten. Die schöne Zauberin streichelte mitfühlend das zerzauste Gefieder des Raben. „Dein Weg war lang, doch du bist ihn gegangen. Was ist es, was du dir wünschst? Willst du immer noch der Größte und Zaubermächtigste unter den Raben sein?“ Da begann der Rabe zu schluchzen, barg sein Gesicht in den Armen der liebevollen Göttin und antwortete: „Nein, Erhabene. Ich möchte einfach nur ein Rabe sein.“ Die Göttin küsste zart die Tränen und unser gefiederter Freund schlief ein.

Als er erwachte bemerkte er, dass er flog. Hoch und schnell trug ihn der Wind. Als er zur Seite sah erblickte er das Geschenk Brigas: Flügel, gewirkt aus feinstem Silber. Mit jubelndem Herzen kehrte er heim und bat demütig die Alten, sprechen zu dürfen. Verwundert gewährten sie. Der Rabe, der nun Silberrabe war, erzählte was ihm widerfahren war und bat, im Stamm in Zukunft die Jungen lehren zu dürfen. Er war liebevoll geworden, nachsichtig und weise. Bald liebten ihn alle in der Kolonie und selbst Jung-Raben aus dem fernen Wales baten um seine Schulung. So war seine Prophezeiung war geworden: Er war der Größte unter den Raben, weil er gelernt hatte, dass das Größte für einen Raben ist, ein Rabe zu sein.

Manchmal, so erzählt man, schimmert ein Rabenflügel im Nebel besonders hell. Dann, so lehren die Iren dürfen wir uns erinnern, wer wir sind. Und dass es das heiligste Ziel des Menschengeistes ist, er selbst zu sein, und einen jeden anderen zu ehren für das Ich das er oder sie ist.

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Der Wahnsinn wohnt gleich nebenan

Das Land leben ist schön. Es sei denn...Siehe Überschrift

Das Land leben ist schön. Es sei denn…Siehe Überschrift

Zum richtigen Leben gehören auch Nachbarn. Ja, genau jene Menschen, die mittags um zwei, pünktlich zur Mittagsruhe eben beschließen, dass sie jetzt UNBEDINGT den Rasen mähen müssen, oder beim Verlassen des Hauses Hof- und andere Türen zuknallen statt zumachen müssen. Kennen Sie? Kennt vermutlich jeder.

Wir haben hier ganz besonders tolle Nachbarn. Kein Scherz, denn sie sparen uns viel Geld. Wenn wir Lust auf Soap-Opera haben, brauchen wir nämlich gar keinen Fernseher. Einfach den Fehler gemacht und das Fenster gekippt und dann gespannt den lautstarken Dialogen gefolgt. Sie glauben ja nicht, was das an Strom spart! Und jedes Mal kann man was lernen! Wussten Sie zum Beispiel, dass es beim Fensterputzen strikte Regeln gibt, was Wassertemperatur und Wischrichtung angeht? Habe ich letzten Sonntag morgens um halbacht erfahren. Dass mir vor Schreck fast das Herz stehen geblieben ist, als ich von schepperndem Geschirr und lautstarken Vorträgen (nebst Widerworten) geweckt wurde, hat nur den Lerneffekt verstärkt. Und seit gestern weiß ich auch, dass man beim Kartenspielen, abends gegen halbelf, einen enormen taktischen Vorteil erlangt, wenn man anfängt, lautstark (und recht textunsicher) Volkslieder zum Besten zu geben! Klasse, oder? Sie dürfen absolut sicher sein, dass ich das bei meinem nächsten Kartenspiel sofort ausprobieren werde.

Warum eigentlich!?

Mit dieser Frage schlage ich mich seit annähernd zwei Jahren herum. Inzwischen habe ich mehrere Theorien entwickelt:

– Kann es sein, dass solche Leute aus irgendeinem Grund andere Menschen für Sinnestäuschungen halten und davon überzeugt sind, dass sie eigentlich, genau genommen, alleine auf der Welt leben?

– Bedürfen diese Menschen der Zeugen, etwa um ihren Standpunkt im Ernstfall durch Dritte bestätigen zu lassen?

– Sind sie von so einer Art „kommunikativem Exhibitionismus“ befallen, der sie zwingt, ihre teils wirklich extrem privaten Angelegenheiten einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen? Ich meine, es ist schon ein enormer Vertrauensbeweis, wenn mich der Nachbar wissentlich oder unwissentlich über die üblichen Bargeldmengen, die er zum Einkaufen mit nimmt informiert! Doch eigentlich ein Hinweis auf ein wirklich extrem gutes nachbarschaftliches Verhältnis.

Ich Dummerle!

Während ich so schreibe, erkenne ich, möglicherweise, meine eigene Dummheit. Die Nachbarn, sie sind weder ignorant, noch rücksichtslos oder gar bösartig. Nein! In Wahrheit sind sie große Lehrer! Doch, doch, wirklich! Sie lehren: Wahre Ruhe findet Innen statt. Ist diese Ruhe erst gefunden, kann sie auch durch knallende Türen, schrilles Gekeife, schepperndes Geschirr oder auch laute telefonische Diskussionen vor unserem offenen Schlafzimmerfenster nicht mehr gestört werden. Echte Konzentration, etwa beim Schreiben, wird auch durch 25minütige, lautstarke Debatten, wie und wo eine Schaufel an der Wand zu lehnen hat (kein Gag) nicht gestört. Da ich das störend finde, sollte ich wohl ihr Lehrangebot annehmen und mich fleißig und demütig üben.

Eigentlich müsste ich dankbar sein, dass sie mich jeden Tag aufs Neue einladen, mich in Fragen der Ruhe, Harmonie und Konzentration zu üben. Auch im Miteinander lerne ich sehr viel. So ist offenbar beißender Zynismus, wann immer man sich als Frau genötigt sieht zu schmollen, genau der richtige Weg, dem Mann den eigenen Willen aufzuzwingen. Sie wissen schon: „Ich meine es doch nur gut… Niemand versteht mich…“, das Übliche eben. Außerdem könnte man jetzt ja auch einen Blickwinkel konstruieren, aus dem es ein wirklich feiner Zug ist, wenn die Dame, die gegenwärtig noch nicht fest beim Nachbarn wohnt, ihre Anwesenheit laut und eindeutig kenntlich macht. Und wenn das nur bedeutet, dass wir uns in der Position sehen, dass wird uns anschnallen und nerventechnisch warmlaufen dürfen, denn erneut ist die Anwesenheitsliste im Nachbaranwesen komplett. Und es kann, wenn das eigene Leben allzu langweilig wird, sehr unterhaltsam sein zu erfahren, mit wem wann und warum telefoniert wurde, oder? Und natürlich auch, dass ein Akt persönlicher Gnade ist, die Brötchen bei einem bestimmten Bäcker zu kaufen….

Sie finden mich zynisch?? Ich freue mich, denn die erste Lektion habe ich offenbar schon gemeistert.

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