Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Graf Theobald feiert Halloween Teil 5

Diesen Kranz hat die Köchin beim Fest getragen. Bild: Petra Bork/pixelio.de

Diesen Kranz hat die Köchin beim Fest getragen. Bild: Petra Bork/pixelio.de

Als sich der Abend näherte begann der Burgherr, Graf Theobald, in seinem Exil zunehmend nervös zu werden. Ob Adriana ihr Versprechen halten würde? Und wie, um Himmels Willen sollte man zu dem infernalischen Lärm, der heute „Musik“ hieß tanzen? Er war hin und hergerissen zwischen etwas, dass er selbst nicht „Vorfreude“ nennen wollte, und schierer Nervosität. Dann wieder ergriff ihn tiefe Niedergeschlagenheit: Warum sollte Adriana mit ihm tanzen? Warum sollten sie und ihre Freunde mit ihm feiern wollen?

Als es schließlich ganz dunkel war, kleidete sich der Graf an. Er würde ein guter Gast sein, auch wenn er sich möglicherweise ungehobeltem und respektlosem Jungvolk gegenüber sehen würde, schließlich war er der Burgherr! Schwarze Samthosen, ein blütenweißes Hemd und seine Lieblingsjacke. Dazu die Prunkstiefel, die die Köchin auf Hochglanz poliert hatte und natürlich seinen Galadolch. Er fühlte das vertraute Kribbeln, dass er einmal im Jahr, in der Halloween-Nacht, wie er schließlich herausfand, erlebte. Es war wie Aufwachen. Für diese eine Nacht würde er wieder fast lebendig sein. Seine Haut nahm die gewohnte braune Farbe an, die blauen Augen funkelten und das dunkle, graumellierte Haar glänzte. Er klatschte in die Hände und befand sich in seinem Zimmer. Gut! Hier gab es also keine von den Fallen, die die Köchin und der Stallknecht gestellt hatten. Er setzte sich auf einen Stuhl und wartete unentschlossen.

Beinahe hätte er das zaghafte Klopfen überhört. „Herein!“, rief Graf Theobald verwundert. Die Tür öffnete sich und herein kam…..Adriana! Sie trug ein bodenlanges, enges Kleid aus nachtblauem Samt mit goldenen Zierborten, einen breiten goldenen Gürtel, der leise klirrte bei jedem Schritt, und den dunkelroten Überwurf. Ihr Haar war kunstvoll geflochten und mit Kornblumen verziert. Graf Theobald traute seinen Augen nicht. „Guten Abend, Graf Theobald,“ sagte das Mädchen leise. „Ich wollte Euch fragen, ob meine Kleidung für das Fest und unseren Tanz angemessen ist?“ Der Graf erhob sich und ging auf Adriana zu. Er betrachtete sie ausgiebig. Schließlich griff er sanft unter ihr Kinn und drückte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. Adriana erschrak. Die Hand des Grafen war plötzlich warm und er wirkte irgendwie….lebendig!

Der Geist hatte ihre Gedanken gelesen und nickte. „In der Nacht, die ihr Halloween nennt, werden alle Geister für ein paar Stunden wieder lebendig. Es ist fast, als sei die Schwelle zum Jenseits aufgehoben. Deswegen empfinden viele Lebende diese Nacht als unheimlich, verstehst du?“ Adriana nickte. „Könnt ihr immer noch durch Wände gehen?“ wollte Adriana wissen, und schämte sich gleich für ihre Frage. Der Graf zwinkerte ihr lächelnd zu und sprang mit jugendlichem Schwung durch die Wand und wieder zurück. Adriana bemerkte, dass sie den Grafen zum ersten Mal hatte lächeln sehen. Er bot ihr den Arm, wie es üblich war und das Mädchen legte ihre Hand auf seine. Gemeinsam gingen sie auf die Treppe zu, die in den Bankettsaal führte.

Innerlich war der Graf gut vorbereitet auf das, was jetzt gleich kommen würde, so dachte er zumindest. Als er in den Saal hinab sehen konnte blieb der Graf wie angewurzelt stehen: Das alte Gemäuer war mit Kerzen erleuchtet und mit Tüchern und Teppichen drappiert. Auf der Treppe leuchteten Öllichter und selbst der gewaltige Kamin war sauber geschichtet, damit er ihn anzünden und so das Fest eröffnen konnte. Unten erwartete ihn Adrianas Vater, der vom Stallknecht vorsorglich gleich zwei Schlucke Branntwein bekommen hatte und sich deswegen am Geländer festhalten musste, mit der Fackel. Alle Anwesenden waren so gekleidet, wie man eben angezogen war zu einem Fest, zu seiner Zeit. Er sah Gaukler, Alchimisten und sogar eine Wahrsagerin. Straßenmusikanten kamen herein und spielten vertraute Klänge. Adriana glaubte, in den Augen des Grafen Tränen zu sehen.

Die erwartungsvolle Stille wurde unterbrochen von Schwerterklirren. Eine Gruppe von mehreren Rittern kämpfte vor dem Eingang zur Halle. Der Graf schob Adriana hinter sich und zückte den Dolch. Ehe er jedoch über die Balustarde sprang viel ihm auf, dass die Schwerthiebe zu kunstvoll, zu berechnet waren. Graf Theobald entspannte sich. „Ein Ritterspiel!“, rief er begeistert. Adriana nickte. „Wer wird gewinnen?“, fragte er flüsternd Adriana. „Ich weiß es nicht. Der Geschickteste“, flüsterte sie zurück. Ein junger drahtiger Ritter, der ohne Schild, dafür mit zwei Schwertern kämpfte, Adrianas Schulkollege übrigens, schien gegen die schwer gewappneten Kämpen keine Chance zu haben. Dennoch konterte er jeden aus, und entwaffnete ihn. Als er schließlich gewonnen hatte, nahm er schweißüberströmt aber glücklich den Beifall entgegen. Graf Theobald nahm wieder Adrianas Hand und ging auf den Jungen zu. Anerkennend legte er ihm die Hände auf die Schultern und sprach: „Mut ist mehr als körperliche Kraft und Entschlossenheit besser als Erfahrung. Ich gratuliere Euch, junger Kämpe und sage Euch eine große Zukunft voraus, auch ohne Schwert. Gestattet mir, Euch dies zu geben.“ Aus seiner Jackentasche nahm der Graf ein kleines Goldstück und reichte es dem Jungen, der es mit offenem Mund entgegen nahm. „Möge dies die erste Münze Eures Wohlstandes sein!“ Adrianas Klassenkamerad, er hieß übrigens Jonas, bedankte sich verwundert beim Grafen.

Zur großen Erleichterung von Adrianas Vater nahm Graf Theobald endlich Fackel und stieß sie in den Kamin. Das Fest war eröffnet. Die Gaukler zeigten ihre Kunststücke und die Köchin reichte Fleisch, Früchte, Brot und Wein. Menschen saßen schon bald neben Geistern, und wer sich den Bauch vom vielen Essen hielt, bekam einen Schluck aus der Flasche des Stallknechts. Graf Theobald bat Adriana auf den Balkon hinaus. In der kühlen Nacht sagte er zum Mädchen: „Viele hundert Jahre sind vergangen, ehe wieder jemand mit mir feiern wollte. Meine Familie wandte sich von mir ab und nun stehe ich hier, umgeben von Freunden in der einen Nacht, da das Leben wieder in mir ist. Ich weiß, dass du bereits einen Vater hast. Doch bitte ich um eine Gunst.“ Er griff in die Tasche und holte das zarte Collier hervor. Adrianas Augen wurden groß. „Ich wollte dies einmal meiner Tochter umlegen. Leider waren mir keine Kinder vergönnt, nicht einmal eine Ehefrau. Gestatte mir, dir dieses Schmuckstück aus meiner Familie zu schenken.“ Adriana sah nichts mehr, denn ihre Augen schwammen in Tränen. Schweigend drehte sie sich um und ließ sich den Schmuck anlegen. Als sie sich wieder umdrehte, schlang sie die Arme um den Hals des Geistes, der ihre Umarmung verwundert aber kräftig erwiderte. „Als Tochter darf ich das!“, flüsterte Adriana unter Tränen und drückte ihr Gesicht an die Wange des Grafen.

In dieser Nacht fielen Grenzen. Geister und Menschen wurden Freunde und blieben es. Adriana und Graf Theobald tanzten zusammen und nicht nur einmal. Auch Adrianas Mutter tanzte mit dem Grafen. Die Köchin bekam so manchen dicken Kuss für ihre Künste und der Stallknecht gewann ein kleines Vermögen beim Würfeln mit den Menschen. Nur Adriana und ihre Familie wussten, dass der Graf, die Köchin und der Stallknecht die geisterhaften Burgbewohner waren. Bis heute.  Beim  Halloween-Fest entdeckte Graf Theobald etwas Neues für sich. Zur Nacht nahmen die jungen Leute merkwürdige Instrumente an sich und spielten : Rock-Musik! Ja, das war genau nach seinem Geschmack! Man hätte sie viel früher erfinden müssen, fand der Graf. Dann wäre das mit der Maikönigin bestimmt besser ausgegangen, wenn er ihr zum Beispiel mit einer E-Gitarre ein Ständchen hätte spielen können! Auch nach der Einen Nacht verbrachten Adriana und ihre Familie viel Zeit mit den Geistern und sie wurden beinahe zu einer großen Familie. So manches ereignete sich und viele Geschichten wurden erzählt. Natürlich wurden auch noch viele weitere Feste gemeinsam gefeiert, so manche Eine Nacht, Tänze in den Mai, Geburtstage und vielleicht…..

….folgt irgendwann eine Fortsetzung………………………………………………………………………………………

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Graf Theobald feiert Halloween Teil 4

Nach langem Schweigen meinte schließlich der Stallknecht: „Ich habe in der langen Zeit viel gehört und gesehen. Aber das welche von euch mit uns feiern möchten, ist neu. Halloween heißt diese Nacht also,“ fuhr er nachdenklich fort. Schließlich sagte er: „Das ist diese eine Nacht im Jahr, in der wir wieder so dicht werden, als seien wir lebendig. Sonst immer ist es für uns so, als würden wir in einer Art Wachtraum leben. Diese Nacht jedoch ist anders.“ Wieder wurde Leon schlecht. Diesmal, weil ihm plötzlich klar wurde, dass die Geister auf der Burg die eine Nacht des Lebendig-Seins bisher mit dröhnenden Techno-Rhythmen und mehr oder minder betrunkenen Teenagern verbringen mussten. Dabei wäre DIE Halloween-Party wie er sich es immer gewünscht hatte, die ganze Zeit möglich gewesen! Wer feiert schon mit echten Geistern!? Im nächsten Moment verwarf er die Idee, mit dieser Tatsache zu werben und beschloss, niemandem zu sagen, wer Graf Theobald, der Stallknecht und die Köchin waren.

Die gehören auch zu einem Festessen. Bild: Rosel Eckstein/pixelio.de

Die gehören auch zu einem Festessen. Bild: Rosel Eckstein/pixelio.de

Die Köchin klatschte in die Hände, und der gewaltige Tisch war schlagartig leer. „Also,“ begann sie. „Wir brauchen Essen. Viel Essen. Kannst du mir die Zutaten besorgen?“ Leon nickte und notierte die Einkaufsliste ins Smartphone, das der riesige Stallknecht sehr gruselig fand: Selbst vor dem geheimen Zeichen gegen Hexerei verschwand das Ding einfach nicht sondern piepte und surrte weiter! Der Knecht ging lieber, sicher ist sicher, am Ende war dieser Teufelsspuk in Leons Hand ansteckend!?

„Jemand sollte mir helfen,“ überlegte die Köchin. „Ich kann meine Mutter fragen,“ sagte Leon, ohne zu überlegen. Die Eltern hatten den Kindern nie geglaubt, dass es auf der Burg spukte. Vermutlich würde das eine denkwürdige Begegnung! Leon musste die Mutter irgendwie dazu bringen, zur Burg zu kommen. Den Rest, da war er sich sicher, würde die resolute und warmherzige Köchin schon regeln. Man beschloss einhellig, Graf Theobald zu überraschen und ihm nichts, aber auch gar nichts zu verraten.

In den nächsten Tagen sah der Graf zu seiner grenzenlosen Verwunderung, wie die schrille Dekoration wieder abgebaut wurde. Was war hier nur los?? Weder aus der Köchin, noch aus dem Stallknecht war etwas heraus zu bringen. Festvorbereitungen fanden statt, das war eindeutig. Aber als war ganz anders, als sonst. Irgendwie…vertraut.

Der Eventmanager hatte den Kindern seit zwei Jahren freie Hand gelassen beim Halloween-Event. Leon und Adriana hatten Maggie und ihren Mann gebeten, bei den Vorbereitungen zu helfen. Die Mittelalter-Fans waren in ihrem Element als es darum ging, die alte Burg auf ein mittelalterliches Herbstfest vorzubereiten. Es wurde geschmückt und gebaut, was das Zeug hielt. Die Mittelalter-Truppe machte auch mit. Es würde einen Ritterkampf geben, einen Alchemisten, eine Wahrsagerin und Gaukler. Alles, was zu einem Fest eben gehörte.

Adriana war glücklich. Sie würde nicht nur mit dem Grafen tanzen in angemessener Kleidung, sie würde dies auch auf einem Fest tun, das auch er genießen konnte. Am Nachmittag ging sie mit ihrer Mutter zur Burg, um wie vereinbart zu helfen. Die Köchin hatte ihr versprochen, die Sache mit der Mutter schon zu regeln. Adrianas Mutter war die klassische Erfolgsfrau: Immer schick, immer cool, jederzeit Herrin der Lage. Nun ja, bis sie im Rittersaal stand und die Köchin aus einer Rauchwolke heraus vor ihr erschien. Adrianas Mutter wurde so bleich, dass ihr Make-Up wie angemalt aussah. Die Köchin kniff die Augen zusammen: „Du solltest wirklich dickere Farben nehmen, Kindchen“, riet sie. „Du siehst ja aus wie eine Puppe, die nicht fertig geworden ist!“

„Lass sie,“ dröhnte eine tiefe Stimme hinter ihr. „Sie hat wohl noch nie einen Geist gesehen. Komm Kindchen, nimm einen Schluck!“ Adrianas Mutter konnte sich aus dem Griff des Stallknechtes unmöglich lösen. Und ehe sie irgendetwas tun konnte, hatte sie einen kräftigen Schluck Branntwein getrunken. Sie hustete und rang nach Luft. Die Köchin klopfte ihr mitfühlend den Rücken und schalt den Stallknecht: „Du und dein schrecklicher Selbstgebrannter! Das ist doch nichts für eine Dame! Gehts wieder?“ Adrianas Mutter nickte dankbar. Heiser brachte sie hervor: „Dann stimmt es also doch?“ die Köchin nickte. „Kommt jetzt, Kinder, wir haben viel zu tun!“ Die drei Frauen gingen in die Küche. Die gemeinsamen Festvorbereitungen gingen scheinbar wie im Nu von der Hand und Adriana und ihre Mutter sprachen sich, unter dem zufriedenen Lächeln der Köchin endlich einmal richtig aus. „Siehst du?“, flüsterte die unheimliche Köchin in Adrianas Ohr, „ich hatte Recht. Die Zeit wird es lösen.“ Adriana nickte glücklich. Auch die Mutter dankte den beiden Geistern, dass sie sich um Adriana gekümmert hatten. Sie fragte nach Graf Theobald. „Den Burgherren haben wir ins Exil geschickt,“ erklärte der Stallknecht. „Dieser Abend soll eine Überraschung für ihn werden. Ich sag dir, Kindchen, wenn die Köchin mir angedroht hätte, was sie ihm angedroht hat, sollte er sich in Küche oder Bankettsaal blicken lassen….Hui!“ Alle lachten.
…………………………………………………Fortsetzung folgt…………………………………………………………………

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Graf Theobald feiert Halloween Teil 3

Ein Kirchenfenster, wie es zu Graf Theobalds Lebzeiten gebaut wurde. Bild: Dieter Schütz/pixelio.de

Ein Kirchenfenster, wie es zu Graf Theobalds Lebzeiten gebaut wurde. Bild: Dieter Schütz/pixelio.de

In der schicken Villa des Eventmanagers und seiner Familie herrschte wie immer quirliges Treiben. Leon hatte einmal wieder einen Pokal gewonnen und alle waren in heller Aufruhr. Adriana hatte sich in ihr Zimmer zurück gezogen und studierte mehrere Bücher. Der Stil, in dem Graf Theobald gelebt hatte, hieß Gotik. Adriana studierte die Kleider der damaligen Zeit und fand sie gar nicht so schlecht: Damen trugen lange, meist körpernahe Kleider mit aufwändigen Gürteln. Das Haar wurde geschmückt. Sie hatte Graf Theobald versprochen, sich „angemessen“ zu kleiden, und genau das wollte sie tun. Einer ihrer Klassenkameraden hatte doch seine liebe Not mit den Eltern, bekennende Mittelalter-Fans, oder? Sie beschloss, die Familie des Jungen zu fragen. Kurz entschlossen nahm sie ihren Rucksack, lief die Treppe hinunter und rief: „Bin weg!“ Niemand reagierte. Adriana zuckte mit den Achseln und ging.

20 Minuten später war sie bei der Familie ihres Klassenkameraden angekommen. Als sie erzählt hatte, dass sie dieses Jahr ein mittelalterliches Kostüm zum Halloween-Event tragen wollte, wurde sie von Maggie, so hieß die Mutter ihres Klassenkameraden, direkt ins Ankleidezimmer geführt. Adriana, die sehr hochgewachsen wahr staunte über die Kleider. Sie sahen prachtvoll aus und gefielen ihr in echt viel besser, als im Buch. Maggie brachte Adriana eine mitternachtsblaues Kleid aus schwerem Samt. An den Nähten war es mit breiten Goldborten verziert. Dazu trug man einen kostbaren, schimmernden Gürtel, der an den Schmuck einer Bauchtänzerin erinnerte. Adriana zog das Kleid an und legte sich einen dunkelroten Überwurf über die Schulter. Ihr braunes, langes Haar fiel ihr bis auf die Hüfte.

Als sie wieder hereinkam, etwas unsicher über die ungewohnte Aufmachung, stockte Maggie der Atem. Adriana fragte nervös: „Sehe ich irgendwie blöd aus?“ Maggie schüttelte wortlos den Kopf und zog Adriana vor den Spiegel. Auch Adriana war sprachlos. Sie sah so anders aus! Ihre hohe, schlanke Figur trat sehr vorteilhaft zur Geltung. Ihre helle Haut schien im Kontrast mit dem Kleid von innen zu strahlen. Maggie trat hinter sie und sagte: „Dieses Kleid ist wie für dich gemacht. Wir werden Kornblumen in dein Haar flechten. Mädchen trugen noch keine Schleier sondern Blumen im Haar.“ Adriana nickte lächelnd. „Mal sehen, was die anderen sagen,“ Maggie zog die widerstrebende Adriana Richtung Wohnzimmer.

Als Maggie und Adriana an der Treppe erschienen, verstummten schlagartig alle Gespräche. Adriana wurde rot, weil sie es nicht gewohnt war, so viel Aufmerksamkeit zu erfahren. Inzwischen war auch Leon dazu gekommen, Adrianas Klassenkamerad war auch sein Mannschaftskollege. Leon fand als erster die Sprache wieder: „Gut ausgesehen hast du ja schon immer. Aber in dem Outfit bist du, na ja, richtig schön.“ Adriana schenkte ihrem Bruder ein warmes Lächeln. Leon meinte nachdenklich: „Wir machen doch immer die Halloween-Party, nicht wahr?“ Adriana nickte. „Und wir haben immer freie Hand,“ dachte Leon nach. „Wie wäre es, wenn wir dieses Jahr ein Mittelalter-Fest machen? So mit Gauklern und Alchimisten und all so einem Zeug?“

Nachdem die Idee ausgiebig bejubelt und geplant worden war, machten sich Adriana und Leon auf den Heimweg. Nach einer Weile blieb das Mädchen stehen: „Kann ich mit dir reden?“ Leon nickte. „Und du wirst mich nicht auslachen und auch nicht verraten?“ Nun blieb auch Leon stehen. „Was ist denn los, Schwesterherz?“ wollte er wissen. Adriana setzte sich auf eine Bank an der Wiese und Leon kam zu ihr. Nach einer Weile begann sie zu erzählen.

„Du erinnerst dich doch noch an den Geist auf Papas Burg?“ Leon nickte unbehaglich. „Es sind eigentlich drei. Graf Theobald hast du gesehen. Es gibt noch eine Köchin und einen Stallknecht. Ich habe mich mit ihnen angefreundet, weißt du? Wenn ich nach der Schule nicht heimgekommen bin dann deswegen, weil die Köchin mir Essen gemacht hatte. Der Stallknecht hat mir reiten beigebracht und aufgepasst, dass ich meine Hausaufgaben mache.“ Leon fühlte, wie sich sein Magen zusammen krampfte. Ja, er hatte gemerkt, dass Adriana oft erst am Abend heimkam. Aber es war ihm genauso egal gewesen, wie seinen Eltern. Manchmal hatte er sich schon gefragt, wo seine Schwester war. Dachte dann aber schnell: „Ich bin doch nicht ihr Vater, kann mir egal sein!“ Die Geschwister schwiegen einen Moment. Schließlich sagte Adriana: „Ich habe dieses Jahr Graf Theobald eingeladen, mit uns zu feiern. Ich habe ihm versprochen, mich angemessen zu kleiden und mit ihm zu tanzen. Er hat mich ein paar Mal fest gehalten, wenn die Burgmauer gebröckelt hat und ich beinahe gefallen wäre.“ Leon schwieg immer noch. „Er hat im 14. Jahrhundert gelebt. Deswegen das Kleid, weißt du?“ Leon nickte. Er umarmte seine Schwester schweigend und schwor sich, bei nächster Gelegenheit den Burggeistern zu danken. Die beiden gingen nach Hause.

Leon, der Super-Sportler, spielte American Football. Er hatte immer einen flotten Spruch auf Lager, sah gut aus und war sehr beliebt. Leider, so musste er nun feststellen, waren das aber auch schon alle guten Eigenschaften. Auf dem Weg zur Burg wurde ihm heiß und kalt. Er hatte furchtbare Angst vor Graf Theobald und die Aussicht noch mehr Gespenster zu treffen, machte es nicht besser. Im Rittersaal angekommen rief er etwas unbeholfen: „Hallo, ich bin Leon, Adrianas Bruder und ich möchte mit den Geistern sprechen.“ Hinter ihm wurde ein Besen abgestellt. Eine nebelhafte, füllige Frau mit grauem Haar ging um ihn herum und musterte ihn mit zusammen gekniffenen Augen. Leon wurde schlecht vor Angst. Nach einer Weile sagte sie: „Du hast die gleichen Augen, wie unser Mädchen. Setz dich hin und iss!“ Im nächsten Moment erschien vor ihm ein Teller mit duftendem, warmem Apfelkuchen. Leon gehorchte. Der Kuchen schmeckte einfach wunderbar.

„Ich bin hier,“ kaute Leon, „weil ich mich bei euch bedanken möchte.“ „Wofür?“, polterte es hinter ihm. Der Junge fuhr herum und sah sich einem riesigen Kerl mit Lederhose und schmutzigem Hemd gegenüber. Der Schlapphut in der Hand hatte schon bessere Zeiten gesehen. „Der Stallknecht,“ dachte Leon. Der Junge musste ein paar Mal schlucken. Schließlich brachte er heraus: „Dafür, dass ihr euch um meine Schwester gekümmert habt in den letzten Jahren.“ Der Stallknecht und die Köchin sahen sich an. Schließlich sagte die Frau: „Er hat mehr Anstand, als ich ihm zugetraut hätte.“ Der Stallknecht nickte und haute Leon freundschaftlich auf die Schulter. Das Football-Talent wäre unter dem freundschaftlichen Klaps fast von der Bank gefallen. Der Stallknecht fand, dass Leon dringend einen kräftigen Schluck Branntwein bräuchte. Ehe Leon irgendetwas tun konnte, hatte er auch schon die tönerne Flasche am Mund und brennender Schnaps lief in seine Kehle. Nachdem der Junge geschluckt, hatte und wieder Luft bekam, fühlte er sich tatsächlich besser.

„Ihr habt vermutlich in den letzten Jahren nicht viel Spaß an den Halloween-Partys gehabt, oder?“ Nachdem Leon den beiden Geistern erklärt hatte, was er meinte, erhielt er einhelliges Kopfschütteln zur Antwort. Er erzählte den Beiden, dass Adriana dieses Jahr Graf Theobald eingeladen hatte, und dieser zugesagt hatte unter zwei Bedingungen: Adriana tanzt mit ihm, und sie kleidet sich angemessen. Die beiden Geister machten große Augen: „Er hat WAS!?“, fragte die Köchin. „So hat es Adriana erzählt,“ verteidigte sich Leon. Er fuhr fort: „Wir dachten, es wäre schön, wenn wir dieses Jahr ein Fest machen würden, wie ihr damals gefeiert habt. Nur weiß ich nicht, wie das geht. Könntet ihr mir helfen?“
………………………………………………………Fortsetzung folgt……………………………………………………………

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