Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Wenn sich die Jahre treffen

Durch die Tür kommt das neue Jahr. Und den Frühling hat es dabei.  Bild: günter gumhold/pixelio.de

Durch die Tür kommt das neue Jahr. Und den Frühling hat es dabei. Bild: günter gumhold/pixelio.de

Im Jahresdorf, Königreich Zeit, herrschte große Aufregung. Nun würde bald der Wanderer wieder kommen und ein neues, junges Jahr zur Erde reisen. Das Jahr, das endlich gehen durfte, konnte sich nur mühsam beherrschen. Es wollte schon so lange Wanderer sein und jetzt endlich war es gewählt worden! Es trat vor die Ältesten und hatte Mühe, ihnen zuzuhören. Wie war das noch? Ach ja. Es durfte aus dem Ewigkeitsmeer eine genau bemessene Menge mitnehmen. Die Hälfte davon durfte es trinken, die andere Hälfte sollte es über die Erde und die Menschen tropfen lassen. Aus der Welt durfte es Erinnerungen mitbringen. Dafür erhielt es einen Korb, in dem es alles sammeln durfte.

Auf dem Weg zum Tunnel, der es in die Erdenwelt bringen sollte, kam es an einer Wiese vorbei. Hier waren verschiedene Steinhaufen aufgeschichtet. Das Jahr kannte sie gut, denn es hatte hier schon oft mit anderen kleinen Jahren gespielt. Eigentlich durfte es ja nichts mit nehmen außer der Füllung seines Kruges aus dem Ewigkeitsmeer. Doch als es an dem Steinhaufen vorbei kam, in dem die Hoffnungssteine lagen, steckte es sich schnell seine Taschen damit voll. Es freute sich so auf die Erde und wollte ihren Bewohnern mehr mitbringen, als nur Zeit.

Der Tunnel lag nun gleich vor ihm. Bunte Dampfschwaden wogten darin, die Wände floureszierten in vielen Farben und immer wieder wanderten geheimnisvolle Muster vorwärts und rückwärts durch den Tunnel. Fasziniert blieb das junge Jahr einen Moment stehen und beobachtete das Schauspiel. Es betrat schließlich den Tunnel und jeder seiner Schritte erzeugte einen leisten klingenden Ton. Bald hörte es, dass noch ein zweiter Ton hörbar wurde. In der Mitte des Tunnels, da wo der Stern der Ewigkeit leuchtete, traf es das alte Jahr. Es war gebeugt und trug schwer an seinem Korb, doch lächelte es freundlich, als es seine Ablösung kommen sah. Das junge Jahr näherte sich schüchtern und betrachtete das alte Jahr mit Neugier.

„Komm, junger Freund, setzen wir uns für eine Weile,“ lud das alte Jahr freundlich ein. Das junge erwiderte: „Aber komme ich dann nicht zu spät?“ Das alte Jahr schüttelte mit einem milden Lächeln den Kopf und wies auf den Stern der Ewigkeit. „Hier,“ sprach es „gibt es keine Zeit. Wir sind buchstäblich zwischen den Jahren, verstehst du?“ Das junge Jahr nickte. Als es sich neben das alte gesetzt hatte, lugte es neugierig in den Korb. Er war randvoll. Glänzende Dinge waren darin aber auch Altes und Staubiges. Große Objekte und solche die so klein waren, dass das junge Jahr sie kaum sehen konnte. Das alte Jahr beobachtete das junge eine Weile und sagte schließlich: „Es gibt nicht nur Schönes auf der Erdenwelt. Auch Trauriges, Erschreckendes oder Erzürnendes wird erinnert, weißt du? Manche dieser Dinge werden sich verwandeln.“ Das junge sah das alte mit großen Augen an: „Wirklich? Glitzerndes kann alt und schäbig werden und umgekehrt?“ Das alte Jahr nickte. „Die Dinge sind immer so, wie sie betrachtet werden. All die Erinnerungen, die die Menschen mit mir geteilt haben, gehören natürlich immer noch ihnen und so ändern sie sich je nachdem, wie sie sie betrachten.“

Das junge Jahr wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte es: „Du altes Jahr? Was sind eigentlich Menschen? Ich meine, wir wandern schließlich nur wegen ihnen auf die Erde.“ Das alte Jahr lehnte sich zurück und wärmte sich die Füße am Feuer des Ewigkeitssterns. Nach einer Weile begann es: „Menschen, mein liebes kleines, sind ewige Geschöpfe. Kinder von Mutter Ewigkeit und Vater Raum. Sie sind große Forscher und sehr neugierig, noch mehr als wir. Also beschlossen sie, für eine Weile zu vergessen , wer sie sind. Mutter Erde, die die Menschen sehr liebte bot an, ihnen den Raum zu geben um eine Erfahrung zu machen. Die nämlich der scheinbaren Begrenztheit und der scheinbaren Endlichkeit.“ „aber es endet doch nichts auf Mutter Erde! Sie ist die große Verwandlerin“, warf das junge Jahr ein. Das alte Jahr nickte mit einem milden Lächeln. „Wohl war, mein kleines, du hast gut gelernt. Es endet nichts in Mutter Erdes Umarmung, die Dinge wandeln sich. Diese Wandlung jedoch erzeugt in den Menschen, Wesen der Ewigkeit und Gleichmäßigkeit, den Eindruck, etwas würde in der Tat enden. So lernten sie, was Verlust bedeutet und dass er eine Illusion ist ebenso, wie Besitz oder auch Trennung.“ Die Augen des jungen Jahres wurden immer größer. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“ fragte das alte Jahr. Das junge nickte mit angehaltenem Atem. Es neigte sich zum jungen Jahr und flüsterte in sein Ohr: „Menschen sind die einzigen Wesen, denen die Fähigkeit zum Wandel und doch Bestand gegeben ist. Und ihnen ist die Macht gegeben, die Richtung des Wandels und was sie beständig halten wollen, zu bestimmen. Sie müssen sie entfalten, verstehst du? Ebenso, wie sie Zeit machen, können sie alles Mögliche auch aus der Zeit heraus heben, denn sie selbst sind ja auch ewig. Wenn sie dereinst ihre Reise auf der Erde beendet haben werden, wird das das große Geschenk sein, welches sie dem Kosmos bringen. Eine neue Runde der Entwicklung für alles Seiende wird beginnen. Und wir? Wir haben die Aufgabe, ihnen dabei zu helfen, sie zu begleiten und ihnen die Möglichkeiten zu bringen, die sie dafür brauchen.“ Das junge Jahr schluckte. Nun verstand es, warum es so ungeduldig gewartet hatte, und warum es für alle Bewohner im Jahresdorf die höchste Ehre war, auf die Erde wandern zu dürfen.

Nach einer Weile fragte es: „Warum dürfen wir den Menschen nichts mitbringen außer einem Krug voll Ewigkeit?“ Das alte Jahr lächelte und antwortete: „Diesen Krug Ewigkeit, den nennen die Menschen „Zeit“. Eigentlich, mein kleines, gibt es Zeit als Begrenztes gar nicht. Sie unterteilen den Krug voll Ewigkeit und zählen die Krüge sorgfältig, die wir bringen. Auf diese Weise bilden sie Verknüpfungen mit den Dingen, die sie erleben und verknüpfen diese auch untereinander. Sie nennen das „Wissen“ oder auch „Erfahrung“. Diese beiden sind etwas äußerst interessantes, sie erscheinen nämlich als absolut und wandeln sich doch ständig. Anhand dieses Wissens und der Erfahrung können die Menschen, und wir übrigens auch, beobachten wie sie sich entwickeln. Alles andere tragen die Menschen in sich selbst und müssen es erst finden.“

Das junge Jahr senkte beschämt den Kopf. Es hatte also heimlich Hoffnung stibitzt um sie den Menschen zu schenken, obwohl sie die schon hatten? „Was hast du in deinen Taschen?“, wollte das alte Jahr wissen. Das kleine Jahr errötete und flüsterte: „Hoffnung, ich habe die Taschen voller Hoffnung.“ Das alte Jahr legte dem Arm um seinen jungen Verwandten und wisperte: „Ich habe ihnen Geduld mit gebracht, als ich meine Reise antrat.“ Das junge Jahr sah auf: „Und? Hat es geholfen?“ Das alte Jahr seufzte: „Manchen schon. Anderen nicht. Weißt du, wir dürfen ihnen diese Dinge nur zu werfen. Fangen müssen die Menschen selbst, oder es aufheben, wenn es herunter gefallen ist.“ Das junge Jahr nickte nachdenklich.

Das alte Jahr wurd sehr müde von der Reise, es nickte immer wieder ein und das junge wurde immer ungeduldiger. Schließlich nahmen die beiden voneinander Abschied. Das alte kehrte ins Dorf zurück, um sich auszuruhen und die Jungen zu lehren, das Junge hingegen wanderte durch den schimmernden Tunnel und freute sich, als die Menschen es mit Jubelrufen und Feuerwerk begrüßten. Heimlich löste es seine Hoffnungssteine in seinem Krug auf und trat die Reise über die Welt an. Überall vergoss es Ewigkeitstropfen, die mit Hoffnung gewürzt waren. Was es wohl zu erzählen haben würde, wenn es in 364 Tagen zurück kam? Welche Erinnerungen in seinem Korb landen würden? Das junge Jahr war sehr aufgeregt und fand noch ein Häppchen Geduld in den Spuren des alten. Es nahm sie dankbar und begann seine Wanderung mit den Menschen über die Erde und durch das Leben..

Euch meine Lieben wünschen ich, dass das junge Jahr, welches mit dem Sonnenlauf schon über die Erde zu wandern begonnen hat und auch uns bald erreichen wird, vor allem anderen Chancen bringt. Und dass Ihr die Hoffnung behaltet, sie in den Ewigkeitströpfchen, die wir Minuten, Stunden, Tage nennen, findet. Wer weiß vielleicht schaut jenes Jahr, das nun zu uns kommt in einem Jahr hier vorbei und erzählt, möge es dann mehr Schönes als Trauriges zu berichten wissen. Kommt gut über diese magische Mitternacht und der erste Morgen des neuen Jahres sei einer von vielen, an denen ihr voller Hoffnung aufwacht und freudig in den Tag geht.

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Der irdene Krug …..Finale

Aleras Hengst, der mit ihr über die Erde und durch die Lüfte geht. BIld: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

Aleras Hengst, der mit ihr über die Erde und durch die Lüfte geht. BIld: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

Es wurde Frühjahr und es wurde Sommer. Dennoch konnte sich der Pilot nur schlecht daran gewöhnen, dass Alera darauf bestand den Haushalt zu führen, zu kochen und sich auch um die Farm zu kümmern. Sie ritt mit ihrem treuen Hengst die Weidezäune ab, reparierte und flickte. Immer wieder erklärte sie ihm, dass sie in seinen Diensten stehen müsse, so verlange es Walvaters Gesetz. Dinge wie „Emanzipation“ oder auch Männer müssten Frauen dienen, quittierte sie mit einem Kopfschütteln. „Niemand dient niemandem. Jeder tut das, was er oder sie am besten kann. So einfach ist das!“, bestimmte sie eines Tages, als sie gerade das Bettzeug mit duftenden Blütenessenzen tränkte, die für guten Schlaf und sanfte Träume sorgten.

Der Pilot war „wegen psychischer Irritationen auf unbestimmte Zeit außer Dienst“, wie es hieß. Er litt sehr darunter. Er konnte es durchaus einsehen, dass er nicht mehr auf Kampfeinsätze geschickt wurde, doch reifte in ihm der Wunsch, als Ausbilder seine Erfahrungen weitergeben zu können. Mehrmals hatte er sich schon beworben und jedes mal war er abgelehnt worden. Alera ermunterte ihn, immer wieder zu schreiben. Wenn nötig so lange, bis der Zuständige einen neuen Schreibtisch brauchen würde, so fand sie. Schließlich wurde immerhin entschieden, dass er begutachtet werden sollte.

Immer wieder hatte er sich mit seiner Ex-Frau getroffen und in langen Gesprächen näherten sich die beiden wieder an. Sie hatte ihm gestanden, dass der jüngere Kommandant auf Grund seiner Erfolge attraktiv gewesen war. Von dem langen Gespräch zwischen ihr und Alera, verriet sie jedoch nichts. Alera hatte ihr vor Augen geführt, was einen Mann zum Mann machte, nämlich er selbst zu sein, egal was andere sagten. „Das,“ erklärte die Dise, „ist ein Mensch den wir einen Aufrechten nennen, verstehst du?“ Alera hatte, ganz selbstverständlich, die Ex-Frau des Piloten ins Vertrauen gezogen. Schließlich war sie die Ehefrau ihres Gastgebers und „Onkels“, wie sie sich immer vorstellte. Auf die Ehefrau des Piloten hatte Aleras Verhalten einen ganz merkwürdigen Effekt: Die Dise vertraute ihr, weil ihr Mann ihr Mann war! Ein machtvolles Wesen aus einer anderen Welt zollte ihr Respekt und Anerkennung, nicht obwohl sie mit dem wunderlichen Piloten verheiratet war, sondern gerade deswegen! Die beiden Frauen sprachen viel miteinander und so mancher leuchtende Kristall landete in Aleras Topf.

Die beiden Frauen kamen vom Einkaufen zurück und Alera blieb plötzlich stehen. „Wie wäre es,“ schlug sie vor „wenn wir einige deiner Kleider mit nähmen? Du bist doch mehr zu Hause als bei deinem Galan.“ Die Frau des Piloten sah die Dise groß an. Ja, sie hatte Recht. Ein neuer Respekt vor dem Piloten gebot ihr, ihn zunächst zu fragen, ob sie zurück kommen dürfe. Alera nickte zustimmend und lächelte erfreut. Auf der Farm angekommen, fanden sie den Piloten sehr aufgeregt: Der Termin für seine Begutachtung War festgelegt. Schon in der nächsten Woche sollte endgültig entschieden werden, ob er doch eine Zukunft als Ausbilder haben würde. Seine Frau näherte sich ihm fast schüchtern: „Darf ich dich etwas fragen?“ Er sah sie überrascht an und nickte. „ Ich bin sehr oft hier, und ich bin gerne hier,“ begann sie. „Darf ich ein paar meiner Dinge her bringen? Und,“ Tränen stiegen in ihre Augen, „darf ich vielleicht irgendwann ganz wieder nach Hause kommen?“ Sie stand vor ihm wie ein kleines Mädchen. Auch der Pilot musste schlucken. Er nahm sie in die Arme und drückte sie behutsam an sich. Sie sank in seine Umarmung und hielt sich an ihm fest. Zum ersten Mal.

Alera hatte sich taktvoll zurück gezogen, um sich um ihr Pferd zu kümmern. Doch dem inneren Blick der Dise war nicht verborgen geblieben, was sich in der Küche abspielte. Sie lächelte glücklich und sagte zu ihrem Pferd: „Siehst du? Wir sind vielleicht hier gestrandet, aber wir sind nicht untätig. Und du? Wirst mir sehr bald schon helfen müssen.“ Sie nahm das seidige Ohr des tintenschwarzen Tieres und flüsterte hinein. Der Hengst schnaubte mehrfach. Als sie zurücktrat und ihn fragte, ober er das tun wolle, bäumte er sich auf und wieherte laut. Alera lobte ihren mutigen und starken Freund und ging mit geheimnisvollem Schmunzeln zum Haus.

Sie fand das Paar, das langsam wieder zueinander fand, lachend und scherzend. Sie jagte ihn gerade die Treppen hinunter um ihr gestohlenes Halstuch wieder zu bekommen. In gespielter Entrüstung stemmte Alera die Hände in die Hüften und schalt sie in scherzhafter Drohung: „Habt ihr Unordnung gemacht? Etwa das Bett zerwühlt? Ich werde es nicht noch einmal her richten, ich warne euch! Schafft selber Ordnung in eurem Haus!“ Beide erröteten wie auf Stichwort und stimmten dann in Aleras Lachen mit ein. Einen Moment drehte sie den Kopf und lauschte. Entschlossenheit breitete sich auf dem Gesicht der Dise ein. Sie murmelte: „Es ist dein Wunsch, und so soll es sein!“ Den fragenden Blick der Eheleute beantwortete sie nicht.

Der Tag der Begutachtung war da und der Pilot war sehr aufgeregt. Der Stützpunkt war festlich geschmückt und vorbereitet für den Empfang der ranghohen Delegation. Inzwischen war die Frau des Piloten wieder ganz zu ihm gezogen und der Kommandant hatte schwer daran zu schlucken, dass diese schöne und kluge Frau, die ihn so sehr geschmückt hatte, ihn verlassen hatte. Daher hatte er dafür gesorgt, dass sich zwei weitere erfahrene Piloten, ohne Einträge in der Akte übrigens, um den Ausbilderposten bewarben. Als Aleras Wahlonkel davon erfuhr, war er sehr bestürzt. Wie sollte er gegen diese beiden antreten? Alera ging zum Ranghöchsten der Delegation und hakte sich vertraulich bei ihm ein. Sie lächelte, schmeichelte und gurrte mit ihm, flüsterte vertraulich und ließ ihm keine Wahl, dem Zauber der Dise zu entkommen.

Nachdem die Begrüßungsreden gehalten worden waren, begannen die Einzelgespräche. Es dauerte sehr lange. Schließlich erschien der Mann wieder und verkündete: „Alle Bewerber haben ihre Vorzüge, doch keiner hat mich ganz überzeugt. Da es hier um die Führung und Anleitung junger Piloten geht, habe ich mich für einen Wettkampf entschieden.“ Er wies hinter sich auf ein riesiges Waldgebiet. „Hier hinter mir, werden gerade mehrere Stationen eingerichtet. Jeder von Ihnen wird einen jungen Reiter losschicken, der alle Stationen und schließlich das Ziel auf kürzestem Weg erreichen muss. Sie erhalten eine Karte und eine Stunde Zeit, um ihren Reiter einzuweisen. Der, dessen Reiter gewinnt, ist für die Einstellungsprüfung qualifiziert.“ Ein Raunen ging durch die Menge, denn so etwas hatte es noch nie gegeben. Die übrigen Delegierten waren zunächst irritiert, fanden dann aber die Idee hervorragend, denn im Grunde genommen war hier genau das gefragt, was die Ausbilder dann tagtäglich tun mussten.

Die beiden anderen Bewerber schickten ihre sehr sportlichen Söhne, die gute Reiter waren ins Rennen. Für den Piloten ging Alera an den Start. Sie war zwar eine Dise, doch war sie auf der Erde verletzbar, sie konnte ermüden und sich auch verirren. All das sagte sie ihrem „Onkel“, der mit ihr die Route plante. „Das gleiche gilt übrigens auch für mein Pferd“, erläuterte sie. „Wir müssen die Wege reitend überwinden und er kann nur wie ein irdisches Pferd laufen.“ Der Pilot nickte und sie sann gemeinsam über die beste Route nach. Schließlich war die Stunde verstrichen und die Reiter gingen an den Start. Alle sieben Wimpel mussten gebracht werden, sonst war man disqualifiziert. Es nutzte also nichts, abkürzen zu wollen. Als Alera an die Startlinie kam, sah sich den lüsternen Blicken ihrer Mitstreiter ausgesetzt. Abschätzige Bemerkungen weckten den Zorn der jungen Frau. Der Startschuss fiel. Die Pferde erschraken und machten einen Satz nach vorne. Alera wäre fast gestürzt, es gelang ihr jedoch, sich auf dem Rücken ihres Pferdes zu halten.

In wildem Galopp stürmten ihre Gegner geradewegs mitten in den Wald. Die junge Dise jedoch wies ihr Pferd an, sich den Weg langsam und vorsichtig zu bahnen. Schon bald sollte sich dies auszahlen, denn die junge Frau erreichte weit vor den anderen die erste Station. Sie hörte entfernt die Rufe des Publikums, als sie tiefer in den Wald ritt. Die Stille umfing sie, und sie konnte das Flüstern der Baumgeister hören. Plötzlich hob sie den Kopf: „Alera!“ hörte sie in ihren Gedanken. „Ja, Onkel?“ erwiderte sie. „Denke an den Sumpf! Er ist genau vor dir. Man sieht ihn nicht. Fünf Bäume stehen außen herum.“ Alera sah sich um, als ihr Pferd plötzlich scheute. Der Boden unter ihm gab nach! Alera sprang vom Rücken des Tieres und ergriff den Zügel. Mühsam gelang es ihr, das Tier dazu zu bringen, rückwärts zu gehen. Sie waren mitten im Sumpf. Ihre Mitstreiter kamen vorbei, lachend und höhnend zunächst, doch dann sahen sie, dass Alera wirklich in Gefahr war. Sie saßen ab und Alera rief: „Kommt nicht näher! Der Boden ist tückisch!“ „Aber du musst da wieder raus!“ rief einer der jungen Männer zurück. Entschlossen ergriff er einen großen Ast und streckte ihn der jungen Frau entgegen. Alera schlang entschlossen ihren Arm um den Hals ihres Pferdes und zog es mit sich. Mit eisernem Griff packte sie den Ast und zog sich daran auf die beiden jungen Männer zu. Die waren starr vor Entsetzen, denn diese „süße Maus“, ihr höflichster Titel für Alera, hatte offensichtlich die Kraft von zehn Männern! Auf halbem Weg ermüdete Alera. Sie begann zu sinken. „Weiter!“ schrien die beiden Männer wie aus einem Mund. „Komm, es sind nur noch ein paar Meter.“ Doch die Dise hörte nur noch ihr Blut im Kopf rauschen, als sie von Dunkelheit umfangen wurde.

Am Waldrand wartete das Publikum ungeduldig auf die Reiter, doch es war nichts zu sehen. Der Pilot machte sich Sorgen. Als Alera ohnmächtig wurde, fühlte er eisige Kälte in der linken Hand. Niemand musste ihm sagen, dass der Dise, die er inzwischen wirklich wie seine Nichte oder gar seine Tochter liebte, etwas geschehen war.

Alera kam wieder zu sich, weil ihr Pferd an ihrem Haar zupfte. Wo war sie? Ach ja, der Wald! Sie setzte sich auf. Die Karte hatte sie verloren, nun, es würde dauern bis sie hier wieder heraus fand, so viel war sicher. Sie war betrübt und beschämt. Das Wispern der Waldgeister hatte sie abgelenkt und nun war alle Hoffnung verloren. „Oh gut, du bist wach!“ hörte sie den Jüngeren ihrer Mitstreiter hinter sich. Sie wandte sich erstaunt um. Auch der andere Wettkämpfer kam auf die Lichtung. „Deinem Pferd ist nichts passiert. Nachdem ich es davon überzeugen konnte mich nicht auf zu fressen, habe ich mir sein Bein angesehen. Die Sehnen sind etwas gedehnt, nicht schlimm.“ Alera sah die beiden mit großen Augen an. „Ich studiere Tiermedizin, weißt du?“ sagte der Ältere zwinkernd. Der Jüngere fand, dass Alera etwas essen müsste, weil sie sehr blass war. Sie hatte im Sumpf alles verloren. Nun, das musste warten, befand sie und wollte entschlossen aufstehen. Erneut sauste es in ihrem Kopf und sie sank zurück auf den Boden. „Ich habe es doch gesagt! Du musst essen! Hier!“ mit diesen Worten hielt ihr der Jüngere einen Schokoriegel vors Gesicht. Alera aß das sehr süße Ding vorsichtig und fühlte, wie ihr besser wurde. „Es wird schon dunkel,“ sagte sie leise. „Kennt ihr den Weg?“ „Ja,“ antwortete der Jüngere „aber ich sehe überhaupt nichts.“ Alera erhob sich und sagte: „Ich sehe wie am Tag. Du sagst wohin, ich führe dein Pferd!“ Der Ältere hätte eigentlich voraus reiten können, doch er blieb bei den beiden. Alera war immer noch benommen und so lenkte er sein Pferd nahe neben ihres, damit sie nicht stürzte.

Auf dem Stützpunkt waren die Flutlichter an und die ersten Rettungscrews machten die Hubschrauber klar, denn es dauerte allen Anwesenden inzwischen zu lange. Der erste Pilot ging zum Helikopter, als die drei Reiter am Waldrand auftauchten. „Sie sind zurück!“, rief er. „alle drei“. Das Publikum jubelte und begrüßte die jungen Leute mit großem Applaus. Sie berichteten, was geschehen war. Nun, laut Spielregeln hatte keiner gewonnen. Der älteste Wettkämpfer ergriff schließlich das Wort: „Wir alle haben unser Bestes getan. Und wir haben uns gegenseitig geholfen, als es nötig war. Das sollen die Piloten hier auch lernen. Warum müssen wir entscheiden, wer die Stelle bekommt?“ Alera lächelte in der der Dunkelheit. Ja, das Leuchten der Seele dieses jungen Mannes war stark. Er würde ein ehrenvolles Leben führen.

Die beiden anderen Bewerber begannen, heftig auf den Ranghöchsten einzureden. Der Pilot jedoch bat nur höflich um Entschuldigung, dass er jetzt seine Nichte nach Hause bringen wolle, um sich um sie zu kümmern. Alera ließ den Kopf hängen. Nun war alles zu spät. „Es ist nicht wichtig,“ sagte der Pilot sanft, als er Alera zu deckte. „Das wichtigste ist, dass dir nichts Schlimmes passiert ist.“ Alera schlief erschöpft ein.

Am nächsten morgen, sie machte gerade Frühstück, erschien der Kommandant auf der Schwelle. Er klopfte und wartete, bis Alera ihn herein bat. Nun, zumindest das hatte sie geschafft, dachte sie mit einem zufriedenen Lächeln. Sie bot ihm Kuchen und Kaffee an, die der Kommandant gerne annahm. Der Hausherr erschien und begrüßte den Standortkommandanten, der sich ganz selbstverständlich erhob, um den Gruß des Piloten zu erwidern. Alera verließ die Küche, in der die beiden Männer lange miteinander sprachen. Schließlich ging der Kommandant wieder und Alera sah in der Hand des Piloten einen Brief. Der grinste sie breit an. „Was denkst, was darin steht?“ Nun, Alera konnte nicht lesen, wozu auch? Sie war eine Dise. Sie setzte sich und wartete geduldig. Schließlich bat der Pilot seine Frau herunter um allen die Neuigkeiten zu verkünden. Er las vor:

„Verehrter Bewerber,

da Sie sich gestern entschlossen, nicht um die Stelle zu streiten, weil Sie sich lieber um Ihre kranke Nichte kümmern wollten kam ich zu dem Ergebnis, dass Sie der einzig richtige Mann für die zu besetzende Stelle sind. Ich hoffe, Ihrer Verwandten geht es besser und erwarte Ihren Dienstantritt am 15. dieses Monats.

Mit freundlichen Grüßen

….“

Großer Jubel brach aus, denn nun hatte der Pilot eine neue Zukunft, eine neue Aufgabe, die ihm noch zu viel Ruhm verhelfen sollte.

Der Sommer und der Herbst vergingen, und der Winter kam. Die Rauhnächte näherten sich und Aleras Exil würde bald ein Ende finden. Zumindest falls die Hohe Göttin kam, und sie holte. Mit jedem Tag der verstrich wurde Alera verzagter. Es gab keinen einzigen Hinweis. Die Rauhnächte begannen. Eine um die andere saß sie auf der Veranda und starrte in den Himmel. Nichts. Kein Hundegebell, keine Jäger, nichts. In Aleras Herz machte sich die Furcht breit, dass sie verbannt worden war. Holda konnte das tun, denn sie hatte ja gegen ihr Gebot verstoßen. Als die letzte Rauhnacht dämmerte, beschlossen der Pilot und seine Frau mit der tief traurigen Diese zu wachen. Die Pilotengattin legte den Arm um Aleras Schulter und sagte: „Wenn sie nicht kommen, dann bleibst du bei uns. Du hast mir gezeigt, wo mein zu Hause ist und ich möchte, dass es auch deines ist.“ Alera begann zu weinen und schmiegte sich an die Menschenfrau, als wäre sie ihre Mutter. Doch, was war das? Waren da nicht Glöckchen? Und Hufgetrappel? Nein, sie musste sich geirrt haben.

„Ich bin Holda. Die, die den Winter vertreibt und die Frucht an die Bäume lockt. Und ich fordere meine Zofe Alera auf, ihren Dienst anzutreten!“, hörte sie plötzlich hinter sich. Alera atmete so heftig auf, dass es klang wie ein lautes Schluchzen. Sie löste sich aus dem Arm der Piloten Gattin und knickste tief vor der strahlenden Gestalt auf der Wiese. Der Pilot und seine Frau standen auf der Veranda und waren ganz still, um unbemerkt zu bleiben. Eine tiefe Stimme hinter ihnen fragte: „In einer Rauhnacht? Unbemerkt bleiben? Von uns? Es sind doch erst 40 Jahre, da du von deinen Großeltern lerntest!“ Der Pilot drehte sich um und sah mit einer Mischung aus Freude und Entsetzen den Einäugigen höchst selbst in seinem Schaukelstuhl sitzen. „Komm setz dich und berichte mir! Hat die Dise sich bewährt?“ Gehorsam setzte sich der Pilot und erzählte. Inzwischen hatte Holda die Pilotengattin freundschaftlich untergehakt und hörte ihre Erzählung.

Nachdem Odin und Holda beraten hatten, wurde schließlich Alera herbei gerufen. Holda sprach: „Ungehorsam wie du warst, hast du den Preis bezahlt. Ein Jahr der Verbannung. Der Topf, er wurde nicht leer und auch nicht voll.“ Alera senkte den Kopf. „Gehorsam warst du gegen mich,“ erwiderte eine tiefe Stimme. „Die Erde hast du erlebt, mit ihr gelebt und uns neue Geschichten gebracht. Ehrenvoll hast du gehandelt und auch andere an die Ewigen Gesetze erinnert.“ Eine sanfte Stimme, ganz nah an Aleras Ohr setzte fort: „Voller Stolz blicke ich auf dich, und wäre geehrt, wenn du deinen Posten unter meinen Frauen wieder einnehmen wolltest. Doch ist es deine Wahl, denn du hast nun auch auf der Erde Familie.“

Alera ging zum Piloten und seiner Frau. Sie nahm jeden an einer Hand und führte sie vor das Hohe Paar. „Wir haben eure Geschichte gehört,“ sprach der Einäugige. „Wenn ihr es wünscht, so werden wir euch in stiller Nacht unter den Sternen erneut vermählen.“ Die beiden Menschen hatten Tränen in den Augen, als sie den Segen der Hohen entgegen nahmen. Man feierte bis zum Morgengrauen und der Abschied war tränenreich. Als Alera auf saß, klopfte ihr Herz bis zum Hals. Ihr schwarzer Hengst stürmte in der Wilden Jagd mit und als er abhob, zerriss ihr Jubelschrei die Stille.

In jedem Jahr ist sie seitdem für einen Tag und eine Nacht zu ihrer Erdenfamilie zurück gekehrt. Vieles trug sich zu, und Alera wurde zur Höchsten der Damen in Holdas Gefolge, denn sie fungierte als Botschafterin zwischen der Erde und Asgard. Bis heute ist das so. Wenn Ihr sie seht, habt keine Angst. Alera ist freundlich und sanft geworden, denn sie kennt die Menschen inzwischen genau.

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Der irdene Krug…Fortsetzung

Sie sieht Alera ähnlich. Bild: melling Rondell/pixelio.de

Sie sieht Alera ähnlich. Bild: melling Rondell/pixelio.de

Alera fühlte die Seele des Piloten zittern. Sie lockerte ihren Griff und sagte: „Erzähle mir!“ Sie betrachtete ihn aufmerksam und legte ihre Hände in den Schoß. Der Pilot fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Wer war diese Frau!? Hochgewachsen und schlank, fast zierlich, strahlte sie eine geradezu unheimliche Kraft aus, die der Pilot allerdings mehr und mehr als tröstlich empfand. Etwas in ihm sehnte sich danach, sich der jungen Frau anzuvertrauen. Und so schüttete er ihr sein Herz aus. Von seiner Ehe berichtete er und dass seine Frau ihn vor einigen Jahren verlassen hatte. Von den Eltern, die er eigentlich nie richtig gekannt hatte, den Großeltern die ihn liebevoll und streng erzogen hatten. Er erzählte von seinem Eintritt in die Armee und wie er Pilot geworden war. Die Schrecken des Krieges, die er sah und erlebte, aber auch die überraschende Menschlichkeit, die man selbst in den entsetzlichsten Situationen vorfand. Schließlich erzählte er von der schicksalhaften Begegnung in der Luft, und dass man ihn einfach hinaus geworfen hatte, aus der Armee. All seine Verdienste, seine Erfahrung zählten nicht.

Schweigend hörte Alera zu. Sie sah, dass so manche Wunde auf der Seele des Piloten zu bluten begann und ergriff schweigend seine Hand. Schließlich wiegte sie den weinenden Mann in ihren Armen, wie ein Kind. Mit ihrem Schultertuch trocknete sie seine Tränen, die zu leuchtenden Kristallen wurden. Verwundert sah der Pilot, wie Alera seine Tränen behutsam in ihren Topf legte, als seien sie kostbar. „Sie sind es!“ rief die junge Hofdame aus. „Jede Erinnerung ist kostbar. Wenn du erlaubst, werde ich sie mit mir nach Asgard nehmen und dort werden sie in der Ewigen Schatztruhe verwahrt.“ Der Pilot nickte schweigend und fühlte, wie etwas in ihm zu heilen begann.

„Da du mir dein Herz geöffnet hast,“ begann Alera „will auch ich dir nun erzählen. Mein Name ist Alera. Ich bin eine Dise und stehe in Diensten der Hohen Göttin Holda. Wie jedes Jahr begleitete ich sie auf der Wilden Jagd, um ihr all die heilenden und trostbringenden Tränke anzureichen, die sie den Menschen entbietet. Doch als wir dich in der Luft trafen, verlor ich den Topf.“ Alera seufzte und schlug einen Moment die Augen nieder. Schließlich flüsterte sie: „Meine Herrin gebot, dass ich mit nach Asgard ginge, denn die letzte Rauhnacht neigte sich dem Ende. Doch Walvaters Gebot lautet: Die Jäger dürfen nichts auf der Erde zurück lassen. Also war ich ungehorsam gegen meine Königin, um dem Walvater gehorsam zu sein. Ich fand meinen Topf, doch die Sonne hatte mich schon auf deinem Land erblickt und so muss ich nun bleiben, bis zur nächsten Rauhnacht.“ Nun ergriff der Pilot behutsam die zarte Hand der gestrandeten Dise. Sie legte den Kopf an seine Schulter und seufzte erneut. „Es scheint,“ sagte die junge Frau, „als wären wir beide irgendwie abgestürzt und gestrandet.“

Schweigend dachten beide eine Weile nach. Plötzlich hob Alera entschlossen den Kopf. Blaues Feuer schien aus ihren Augen zu kommen als sie sprach: „Höre! Ich muss ein Jahr in deinen Diensten bleiben und du wirst ein Jahr mit einer Dise im Haus leben müssen. Was immer die Hohen Weisen, die Drei Herrinnen am Brunnen sich auch dabei gedacht haben mögen, wir werden das beste daraus machen!“ Aleras Kraft, ihre kämpferische Sanftheit, flößten auch dem Piloten Zuversicht ein. Man beschloss, zunächst einmal ins Haus zu gehen, und zu frühstücken. Wie sie es gewohnt war pfiff Alera kräftig, doch der Tisch deckte sich einfach nicht! Ach ja richtig! Auf Erden war sie der meisten ihrer Kräfte beraubt! Nun es half nichts, sie musste das Essen selbst machen. Entschlossen ging sie hinaus und holte Holz. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatte beschloss sie, dass der Elektroofen die Feuerstelle sein musste. Sie schichtete das Holz hinein und wollte es gerade anzünden, als der Pilot sie gerade noch davon abhielt.

Ehe die Dise zornig werden konnte über den ungehobelten Menschen-Mann, der sich frech in Frauenangelegenheiten mischte, erklärte er ihr, wie ein Elektroofen funktionierte. Die Augen der jungen Frau wurden immer größer. Schließlich flüsterte sie: „Ihr habt den Blitz gezähmt und eingesperrt?! Was wird nur Thor dazu sagen!“ Der Pilot empfand so etwas wie Stolz und erläuterte der jungen Frau aus einer anderen Welt all die technischen Errungenschaften und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Menschheit entwickelt hatte. Alera wurde immer bedrückter, je mehr sie erfuhr. Sie begann zu ahnen, warum die Menschen so hart geworden waren, einander nicht mehr als die heiligen Kinder des Lebens betrachteten, die sie doch in Wahrheit waren. Schließlich hüllte sie ihr Gesicht in ihr Schultertuch und begann hemmungslos zu weinen. Der Pilot verstand die Welt nicht mehr. „Warum weinst du denn?“, fragte er hilflos. „Ich weine um euch,“ schluchzte Alera. „Da ihr die Geheimnisse der Welt entschlüsselt, vergesst ihr mehr und mehr euer eigenes Mysterium. Da ihr glaubt, alles kontrollieren zu können, verliert ihr die Liebe und die Hochachtung füreinander. Da euch alles zu Diensten sein muss, versklavt ihr die Seelen eurer Brüder und Schwestern gleich mit. Ihr selbst seid der giftige Dorn in euren Seelen. Eure Kinder könnten euch retten, doch ihr nehmt ihnen die heilige Kraft und nennt das ‚Erziehung’“.

Wie ein Donnerschlag traf es den Piloten, als er erkannte, dass die Dise Recht hatte. Ja, sie hatte in allem Recht! Plötzlich waren all die Geschichten voller Zauber und Magie, die Großmutter und Großvater erzählt hatten, kein leeres Geschwätz mehr. „Natürlich nicht,“ flüsterte Alera, „wie sonst solltest du auch meine Anwesenheit ertragen?“ Und erneut heilte etwas in dem Piloten, denn er war viele Jahre lang ausgelacht worden für Bilder von besonders beeindruckenden Wolkenformationen oder geradezu magischen Lichtspielen, die er von Erkundungsflügen mitgebracht hatte. Ja, er hatte die Macht der Natur und ihrer Geschöpfe immer wieder gespürt und auch, was die Menschen in Wahrheit waren. Daher hatte er so manche Bombe „verloren“ wo sie keinen Schaden anrichten konnte und Gegner in der Luft nur zum Abdrehen gezwungen aber nie abgeschossen.

„Wir müssen essen,“ entschied Alera, „schließlich sind wir auf der Erde und haben irdische Bedürfnisse.“ Kaum war das Frühstück zubereitet, klopfte es an der Tür. Aleras Augen wurden hart. „Es kommt jemand, der dringend das Gastrecht erlernen möchte!“ sagte sie in einem Tonfall, der dem Piloten einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Er ging zur Tür und vor im stand sein Geschwaderkommandant! Er wolle sich nach dem Befinden des Piloten erkundigen, so sagte er. Der Pilot bat ihn herein. Alera drehte sich zu dem Mann um, der zu ihr aufsehen musste. Als Aleras Blick in traf, ging er einige Schritte rückwärts denn er glaubte, zu verbrennen. „Wer ist das?“ stotterte und sah vorsichtig hinter sie zur Tür. „Ich,“ erwiderte die Dise, und ihre Altstimme erfüllte den ganzen Raum, „bin die Nichte des Hausherren. Und du bist der, der die Schwelle die du übertrittst ehren wird!“ Einen Moment sträubte sich der Kommandant. Er? Ein hoch dekorierter Offizier sollte sich von einer jungen Göre sagen lassen, was er zu tun hätte?! Niemals! Alera, die seine Gedanken gelesen hatte, lächelte still. „Weißt du denn nicht, dass es dir weniger zur Ehre gereicht was du tatest als was du bist? Warum du deine Taten vollbrachtest, das zählt. Und du ließest dich auf deinen Platz in der Armee kommandieren, nicht wahr? All deine Auszeichnung trägst du für blinden Gehorsam und das Aufgeben jeglichen eigenen Willens. Nennst du das ehrenvoll?“ „So etwas muss ich mir sagen lassen von einer..“, rief der Kommandant. „Einer..was?“, zischte Alera drohend und ging auf ihn zu, „einer Göre? Wer dem Haus das im Gastfreundschaft entbietet nicht Respekt erweist, dem brenne jeder Bissen und jeder Schluck entsetzlich im Gedärm!“ Alera verließ den Raum und der Kommandant atmete sichtlich auf.

„Darf ich?“, fragte er und steckte sich, ohne auf die Antwort zu warten ein Stück frischen Blaubeerkuchen in den Mund, den Alera gebacken hatte. „Man sollte nichts verkommen lassen, oder?“ lachte er höhnisch. Er setzte sich an den Tisch und ließ es sich schmecken. Der Pilot schluckte mühsam seinen Ärger herunter denn er kannte das Gastrecht und Alera hatte ihm das beleidigende Verhalten dieses Kommandanten erst richtig vor Augen geführt. Plötzlich hörte er Aleras Stimme in seinem Kopf: „Lass ihn nur! Die Freude währt kurz aber die Lektion wird er sich merken!“ Der Pilot setzte sich und aß ebenfalls. Er musste lächeln, denn Aleras Kuchen erinnerte ihn an die herrlichen Blaubeermuffins, die sein Opa immer gebacken hatte. Er hörte dem Geschwatze des Kommandanten kaum zu. Er war vermutlich nur gekommen, um irgendetwas zu finden, dass er weiter tratschen konnte. Nun, so dachte der Pilot bei sich, seine Debatte mit Alera wird er vermutlich für sich behalten. Schallendes, melodisches Lachen in seinem Kopf ertönte und er hörte die Antwort: „Es wird vermutlich das einzige sein, was er bei sich behält.“ In den nächsten Stunden erlebte der Kommandant was es bedeutet, den Zorn einer Dise auf sich zu ziehen. Alera sollte recht behalten, die Lektion war nachhaltig.

Am nächsten Morgen bat Alera, dass man dem Kommandanten einen Gegenbesuch abstatte. Der Pilot hätte lieber das Flußmonster besucht als diesen Kerl, denn er hatte ihm damals die Frau weggenommen, doch er stimmte zu. Sie gingen zu seinem Haus und der Kommandant lag sehr krank im Bett. Alera begrüßte die aufgelöste Hausherrin gelassen und erwiderte auf ihre Tiraden, sie, Alera, habe ihren Mann vergiftet schlicht: „Dein Mann ist der, der neben mir steht. Und vergiftet wurde dein Galan von seiner eigenen Boshaftigkeit. Lass mich zu ihm wenn du willst, das er jemals wieder essen kann!“ Schweigend ging die Hausherrin aus dem Weg. Vermutlich hätte die Dise sich sonst selbst Platz verschafft und eine Ahnung sagte der Gastgeberin wider Willen, dass sie diese Erfahrung lieber nicht machen wollte.

Alera betrat das Schlafzimmer, in dem sich der Kommandant in Krämpfen wand. Sie setzte sich an sein Bett und legte ihre kühle Hand auf seine glühende Stirn. „Nein,“ beantwortete sie den stummen Blick, „ich bin kein Fiebertraum. Boshaftigkeit kocht im Gedärm, das weißt du jetzt, nicht wahr?“ Der Kommandant nickte stumm. „Nun,“ befand Alera, „da du genug an deiner eigenen Verderbtheit gelitten hast, will ich dich heilen.“ Sie griff in ihren Topf und reichte ihm einige Tropfen Kräutertrank. „Es schmeckt nicht gut“, warnte sie „In Branntwein gelöster Wermut. Aber es wird dich sofort von deinen Qualen erlösen.“ Der Kommandant nickte und schluckte gehorsam den bitteren Trank.

Wenig später kam er, Alera hinter sich, die Treppen herunter. Er war gesund und Alera beantwortete die fragenden Blicke mit einem geheimnisvollen Lächeln. Die Ex-Frau des Piloten und der Pilot hatten sich inzwischen unterhalten und gingen hinaus auf die Veranda, um das Gespräch fortzusetzen. Alera setzte sich zu dem Kommandanten und forderte ihn auf, zu erzählen. „Was soll ich erzählen?“ , fragte der Kommandant etwas hilflos. „Nun, was dich werden ließ, was du bist,“ schlug Alera vor. „Ihr Menschen werdet nicht verderbt geboren. Ich heilte dich und nun will ich erfahren, von welcher Krankheit du genesen bist“ Der Kommandant verstand und erfüllte die Forderung er Dise. Erneut entstanden leuchtende Kristalle, die Alera sorgfältig in ihrem Topf verwahrte. …

Unsere Freundin aus der anderen Welt sollte noch so manches Abenteuer bestehen. Ob sie schließlich nach Asgard zurück kehren wird? Kommt morgen wieder, dann sollt ihr es erfahren.

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