Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Das Flüstern des Silberraben

In solchen Nächten flüstert er, der Silberrabe...Bild: Margit Vorberger/pixelio.de

In solchen Nächten flüstert er, der Silberrabe…Bild: Margit Vorberger/pixelio.de

 

Silberne Flügel schimmern bei Nacht,

ein leises Lied klingt, zart und voller Macht:

 

„Erinnert Ihr Euch, habt Ihr’s vernommen,

wie ich von Briga die silbernen Flügel bekommen?

Viel Zeit ist seither verstrichen. Neue Träume erwachten,

andere verblichen.

Was ich auf langem, schwerem Weg erwarb ist mehr als,

was ich von der Schönen erbat.

Mir selbst innig vertraut, bleibe ich fremd in Eurer Welt.

In stiller Mondnacht sich manch Seele zu mir gesellt.

Jede Begrüßung ist mir ein Fest, doch erkennt der Menschengeist,

das was ich lernte auch ihn umkreist, fliehen die meisten entsetzt.

Und so wispere ich und sende Euch in stiller Nacht einen Gruß.

Mancher vernimmt ihn als Segen, mancher als Fluch.

Doch ist es allein an Euch zu erwägen,

ob des Silberraben Gruß Euch gereicht zum Fluch oder zum Segen.

Wie alles andere liegt es bei Euch und der Richtung Eures Strebens.

Seid gesegnet mit Anmut und Schönheit auf dem Weg Eures Lebens.

 

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Holdas Lächeln (Candlemas)

Bald schon....Bild: Martin Berk/pixelio.de

Bald schon….Bild: Martin Berk/pixelio.de

 

Der Morgen dämmerte. Für die Menschen war es der 1. Februar, für die junge Göttin jedoch der Morgen nach ihrem Sieg, so erzählten die Menschen zumindest. Die Wahrheit kannte nur sie. Sie räkelte sich auf den weichen Fellen in der Höhle und sah neben sich auf den schlafenden Winterkönig. Ja, sie hatte erneut gesiegt und zugleich war sie besiegt worden, dachte sie mit einem Lächeln. Und obwohl es schon seit Menschengedenken so war, war es immer wieder neu. Holda, oder auch Briga, wie manche sie nannten, erinnerte sich: Einsam und verloren hatte sie sich gefühlt, als die Wilde Jagd zurückkehrte nach Asgard und sie zurück blieb. Es war kalt und dunkel auf der Erde. Tränen brannten in den Augen der jungen Göttin und am liebsten wäre sie einfach mit gegangen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erhob sie sich und begann in der einsamen Winternacht nach dem zu suchen, der die Erde mit Eis und Schnee überzogen hatte. Ein eisiges Prickeln in ihrem Nacken verriet ihr, dass sie gesehen worden war. Leises Zischen folgte ihr. Als Holda des Spieles müde war, griff sie beherzt in eine Schneewehe und zog den Eistroll der hinter ihr her geschlichen war mit einem Ruck heraus. Der fand diese Situation nun gar nicht erfreulich und wand sich im Griff der Göttin. Ihr strahlender Blick war dem Troll viel zu heiß und auch die kräftigen, von Leben strotzenden Pulsschläge in der Hand der Göttin gefielen ihm gar nicht. Als Holda fand, dass es dem Troll unbehaglich genug war zischte sie: „Geh und sage deinem Herrn, dass ich ihn erwarte. Ich warne dich, mein eisiger Freund, es gibt auf ganz Midgard keine Schneewehe, in der du dich vor mir verstecken kannst!“ Der Troll fauchte und verschwand in einem heulenden Windzug.

Holda setzte sich auf einen toten Baumstumpf und wartete gelassen. Nach einer Weile begannen Eiskristalle in der Luft zu funkeln. Es wurde so kalt, dass selbst die Göttin, in deren Adern die Macht des Lebens glühte zu frösteln begann. Ein Mann mit grauem Haar erschien vor dem Mädchen. Mit kaltem Blick maß er die Schöne: „Nun? Was willst du, Mädchen?“ fragte er hart. Die Göttin überwand das Gefühl von Lähmung und Hoffnungslosigkeit, das aus den Augen des Mannes direkt in ihre Seele drang und erhob sich. „Ich“, erwiderte sie mit melodischer Stimme, „bin die, die dich zum Kampf gefordert hat.“ Der Winterkönig musterte die Göttin belustigt. Schließlich antwortete er lachend: „Du? Du bist ohne Waffen und von deinem Pelzmantel mal ganz abgesehen so gut wie nackt. Du kannst mich nicht besiegen! Niemand kann das!“ Die Göttin ließ ihren Blick über den Winterkönig schweifen und flüsterte: „Ja ich weiß!“ Mit gesenktem Blick setzte sie hinzu: „Ein Preis wird gefordert werden, und ich werde ihn bezahlen, denn das ist mein Schicksal.“ Erstaunt bemerkte der Winterkönig so etwas wie Mitgefühl mit der mädchenhaften, vor Kälte zitternden Göttin. Mit einer eleganten Bewegung ließ er einen goldenen Becher vor ihr erscheinen, der gefüllt war mit dampfendem Wein. Die Göttin trank dankbar und fühlte, wie das Sonnenlicht, das in den Trauben geschlafen hatte, ihr neue Kraft gab.

Der Winterkönig bemerkte, dass die Göttin eine ganz eigenartige Wirkung auf ihn hatte. Er wurde neugierig und so fragte er schließlich belustigt: „Nun, Mädchen, wie gedenkst du mit mir zu kämpfen?“ Die Göttin sah über den Becherrand hinweg direkt in die Augen des Älteren und lächelte geheimnisvoll: „Sagtest du nicht, es sei sinnlos gegen dich zu kämpfen? Ich ehre dein Alter und deine Weisheit. Daher werde ich deinem Rat folgen und stattdessen für dich singen.“ Die junge Göttin erhob sich langsam und begann, ein Lied voller Süße und Wehmut zu singen. Sie ließ ihren Mantel in den Schnee fallen und erlaubte dem Winterkönig, ihre Schönheit zu bewundern. Wohl jeder kann sich die Wirkung vorstellen und fast hätte der Winterkönig die Göttin voller Verlangen an sich gezogen, doch im letzten Moment hielt er inne. Die Göttin wartete reglos die Entscheidung des Königs ab, der schließlich in einem gewaltigen Blitz verschwand. Seufzend ergriff die Göttin ihren Mantel und murmelte mit geheimnisvollem Lächeln: „Nun mein Freund, diese Runde ging an dich. Doch du wirst wieder kommen, dessen bin ich sicher.“

Am nächsten Abend wartete Holda lange auf den Winterkönig. Doch erst als sie klagend um einen Becher Wein flehte, der ihr die Schmerzen der Kälte nehmen sollte, erschien er schließlich. In dieser Nacht würfelten die Beiden. Gegen Morgen sah man die Göttin und den Winterkönig zusammen lachen und scherzen. Manche heitere Nacht bei Wein, Spiel und Gesang teilten die Beiden von nun an. Doch eines Nachts wurde das Gesicht des Königs plötzlich hart. „Du wirst mich nicht überlisten, Göttin! Nicht so!“ Er packte Holdas schimmernden Hals mit festem Griff. Die Göttin rang nach Luft und kämpfte heftig gegen die Panik, die ihr fast die Sinne nahm. „Das will ich nicht König, ich schwöre es dir. Was ich entbiete, werde ich geben.“ Der Winterkönig lockerte seinen Griff und fühlte Scham über die Tränen der Göttin und die Male, die sein Griff am zarten Hals Holdas hinterlassen hatte. Erneut verschwand er. Als Holda am folgenden Abend auf der Ebene vor der Höhle des Königs erschien, fand sie einen Kranz aus Weißdorn auf dem Stein, auf dem sie zu sitzen pflegte. Sie lächelte und nahm die Entschuldigung des Winterkönigs an. Der erschien und lächelte die junge Göttin diesmal offen an. Eine ganze Weile saßen sie still nebeneinander. Schließlich begann ihr der König zu erzählen. Von all den Dingen, die er gesehen hatte und den Zeiten vor zehntausend mal zehntausend Jahren, als er noch ein junger Mann gewesen war. Schweigend lauschte die Göttin und schließlich legte sie den Kopf an seine Schulter, wo sie einschlief.

Der Winterkönig fühlte, wie sein Herz sich regte. Tiefe Zuneigung wogte hindurch. Er wusste, dass Holda ihm die Macht nehmen würde. Er würde Midgard an sie verlieren. Es wäre ein Leichtes, die schlafende Göttin zu töten. Doch stattdessen strich er nur zart über ihr Gesicht und wachte hingebungsvoll über ihren Schlaf. Er war sich der warmen Haut der Göttin sehr bewusst und seine Hände wurden kühner. Die Göttin seufzte leise im Schlaf und erwachte schließlich. Sie sah den Winterkönig an. In ihrem Blick mischten sich Verwirrung und Leidenschaft. Jungfräulich wie sie war, kannte sie die Empfindungen nicht, die die sanften Berührungen des alten Königs in ihr weckten. Er hielt inne, verunsichert und ihre Entscheidung bang erwartend. Er hatte sich ihr ausgeliefert und sie tat es ihm gleich. Mit scheuem Lächeln ergriff sie seine Hand und führte sie an jenen Ort der größten Hitze an ihrem Leib. Er hob sie auf die Arme und trug sie in die Höhle. Die Welt verschwand in einem Rausch aus Liebkosungen. Nein, Holda hatte den Winterkönig nicht besiegt. Und er sie auch nicht. Doch hatten sie sich einander ergeben, so wie es schon immer war.

„Die größte Freude erlebt, wer sich der Macht des Lebens völlig hingibt,“ war zu hören. Wer das gesagt hatte? Sie wussten es nicht, denn es gab nur noch sie beide in dieser Nacht….Niemand kann sagen, was aus den ungleichen Liebenden wurde. Alles was wir wissen ist, dass sie sich jedes Jahr aufs Neue finden. Und in jedem Jahr erwacht Holda,  zur Frau gewandelt am Morgen des 1. Februar in den Armen des Winterkönigs, der nicht länger kalt und starr ist, und lächelt. Und das Strahlen dieses Lächelns erweckt die Natur erneut zum Leben.

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