Wie im richtigen Leben

Mal zum Lachen, mal zum Weinen; mal grau, mal bunt…Wie im richtigen Leben eben

Midlife Crisis oder: Die verfluchte Brille

- Juni 15, 2016
Mit einer Brille sieht man klar. Ob man will, oder nicht. Bild: i-vista/pixelio.de

Mit einer Brille sieht man klar. Ob man will, oder nicht. Bild: i-vista/pixelio.de

Da der erste Text zum Thema sehr oft gelesen wird, will ich es gerne noch einmal aufgreifen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was eigentlich der „Motor“ der Midlife Crisis ist? Wie sie ausgelöst wird, das wissen wir. Doch was hält sie am laufen, gibt sogar noch Zündstoff? Ich denke, hier ist die Psyche vieler Männer und auch das Rollenbild Mann ein wichtiger Faktor.

Betrachten wir zunächst einmal das Alter. Sie tritt zwischen 45 und 50 Jahren auf. Alles wird plötzlich langsamer, was zunächst trieb, ablenkte und auf später verschoben werden konnte (Mann ist ja schließlich noch jung), versagt. Man könnte meinen, die Seele des Mannes bekommt plötzlich eine Brille. Unsere Seelen, liebe Schwestern, setzen in dem Alter übrigens auch eine Brille auf. Und dann? Guckt Seele also da durch und fragt: Was habe ich eigentlich erreicht? Was habe ich mit meinem Leben angefangen? Und, am wichtigsten, was davon ist von Wert und Bestand? Wir Frauen haben hier einen kleinen (inzwischen oft erwachsenen;)) Vorteil: die Kinder. Sofern wir welche haben, sind sie aus dem Gröbsten raus oder gar schon erwachsen. Ja, das haben wir erreicht! Wir haben dieses Kind, oder diese Kinder geboren, sie umsorgt erzogen, mit einem Wort: groß gezogen. Sie werden ihr eigenes Leben beginnen und all das, was sie von uns gelernt haben in der einen oder anderen Weise weiter tragen.

Und er? Blickt auf Job, Karriere und Hobby. Möglicherweise ist das, was er da zu sehen bekommt, nicht sehr befriedigend. Das was dort eigentlich zu sehen sein sollte, das tolle Einkommen, das coole Auto, ist einfach nicht da. Um jetzt zu tun, was man in den letzten 20 Jahren versäumt hat, ist es zu spät. Es fühlt sich an, als sei das Leben vergeudet. Das tut weh. Und was tut ein Mann, dessen Seele schmerzt? Er brüllt! Tatsächlich ist es so, dass viele traurige oder gar depressive Männer keineswegs weinen. Sie bekämpfen Schmerz mit Zorn und Aggression. Oder mit Ablenkung (etwa in Form der 20jährigen, die er aus der Disko abzuschleppen versucht, oder dem 300 PS Motorad, das plötzlich in der Garage steht).

Im Außen ein Kämpfer, im Innen ein verirrtes Kind

Selbst der mutigste und stärkste Mann wird hilflos, wenn er sich mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen muss. Ja sogar die berühmten „Frauenversteher“ fürchten ihre eigenen inneren Wellen und Gezeiten wie der Teufel das Weihwasser. Vermutlich ist diese extreme und von der Gesellschaft anerzogene Verdrängung auch der Grund, warum ungleich viel mehr Männer Selbstmord begehen oder irgendwann einmal eine klinische Depression (natürlich von allen verborgen) durchleben, als Frauen. Wenn man(n) etwas fürchtet, bekämpft er es. Doch wie kann man den „Feind“ innen bekämpfen? Man schreit ihn nieder. Ganz einfach. Mit einem permanenten Stimulations-Overkill um das Innen buchstäblich zu übertönen, oder indem man den Kampf nach außen verlagert. Dann rechtet man mit Familie und Freunden herum und beweist sich so, dass man(n) es immer noch jedem ordentlich zeigen kann!

Hier greift in fataler Weise das Rollenbild „Mann“. Wie ist er denn so in unserer Gesellschaft, der Mann? Er sieht gut aus, ist erfolgreich, selbstbewusst, jederzeit Herr der Lage, der „Leader of the pack“ in jeder Situation. Aha. Und wers glaubt, darf kostenlos zum Saturn fliegen und auf den Ringen Karussel fahren. Mal ehrlich, nüchterner Analyse kann dieses Rollenbild doch gar nicht Stand halten. Trotzdem wird es uns als derart erstrebenswert verkauft, dass es zumindest nach außen hin auf Biegen oder Brechen stimmen muss. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man könnte also sagen, die Midlife Crisis wird massiv „befeuert“ durch die Tatsache, dass in den Katakomben der Seele des Mannes einfach kein Platz mehr ist, um noch mehr zu verdrängen. Tatsächlich sind sie so voll gestopft, dass jener Tag kommt, da er die Tür öffnet um noch ein Trümmerteil hinein zu werfen…und alles kommt ihm entgegen geflogen.

Und dann, liebe Schwestern, bricht mit einem Schlag alles über unsere Männer herein. Alles, jede kleine Träne, die er sich je verkniffen hat, fliegt ihm auf den Kopf, oder eher das Herz. Dass er darunter zusammenbricht, nicht mehr er selbst ist, ist durchaus verständlich, nicht wahr? Auch die Erkenntnis, dass der tolle Hecht, der er doch die ganze Zeit war, eben nicht er selbst war, dass das ganze Kellersammelsurium ja nun auch zu ihm gehört, macht es nicht besser. Sein Selbstbild zerbricht und nun muss er ein neues bauen. Er hat nun zwei Möglichkeiten: Ab ans Zeichenbrett und irgendwas Cooles designen, oder aber die Trümmer katalogisieren und mal schauen, was man daraus machen kann. Am Ende finden sich da Dinge, die wichtig und gut sind, zumindest nachdem man sie ordentlich abgestaubt und die Schrauben wieder angezogen hat? Was er tut, ist seine Wahl ganz allein.

Sibirien im Winter zu Fuß zu durchqueren…

….ist vermutlich leichter, als sich mit dem eigenen Innersten gnadenlos auseinanderzusetzen. Beides braucht Fitness, Übung und Kenntnisse. Frauen sollen, müssen sogar, diese Kenntnisse haben. Auch die Fitness und die Übung. Schließlich sieht unser Rollenbild unter anderem vor, dass wir fleischgewordenes Verständnis, inkarnierte Vergebung zu sein haben. So unfair uns das auch oft genug vorkommt, wenn die Zeit der Bilanz kommt, haben wir hier einen entscheidenden Vorteil. Wir sind es gewohnt, emotional zu sein. Sind es gewohnt, Dinge zu verarbeiten und auch aus den Trümmern einer Situation immer noch irgendwas Sinnvolles zu machen. Der Mann hingegen sieht sich ganz anderen Anforderungen gegenüber, die ihm für seine „Trekkingtour durch die Seele“ sogar hinderlich sind. Würde ein Mann sich zum Beispiel absichtlich und hingebungsvoll verirren? Hilflos sein? Es mit den Beattles halten und „let it be“ sagen? Niemals! Weil Männer sind doch Männer! Die kennen immer den Weg, wissen immer Rat, packen immer an.

Um aber an „des Pudels Kern“ zu kommen, muss man all diese Dinge tun. Man muss ein Gefühl zulassen, ohne sich zu wehren. Und wenn man sich ausgeweint, ausgeschrien oder auch ausgeschwiegen hat, dann lässt man die Gedanken treiben. Ohne dem ganzen eine Richtung zu geben. Einfach mutig mit in den Dschungel aus Verknüpfungen, Hoffnung, Wünschen, Träumen und Ängsten gehen. Nur so kann die Frage beantwortet werden, woher eigentlich ein Gefühl, eine Befindlichkeit oder auch eine Reaktion kommt. Wohlverstanden, dass ist nichts weiter als eine Methode, die für mich persönlich sehr gut funktioniert und kein therapeutischer Rat. Letzteren darf man(n) übrigens ruhig suchen, wenn es alleine zu schwer ist. Oder auch unsere Hilfe. Wir können Eure Fragen nicht beantworten, liebe Männer. Aber wir können Euch, ganz heimlich und verschwiegen natürlich, festhalten. Oder Euch zuhören, mit Euch zusammen und ohne zu werten oder gar zu urteilen. Oder wir können Euch in Ruhe lassen. Nicht indem wir Euch ignorieren, sondern indem wir Euch wissen lassen, dass Ihr bei uns einen sicheren Raum habt, in dem Ihr schweigen könnt, oder still betrachten, oder auch nach innen weinen. Und wisst Ihr was? Solltet Ihr dann Euren müden Kopf an unsere Schulter legen, ist das schlimmste was passieren kann, dass wir Euch umarmen.

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2 responses to “Midlife Crisis oder: Die verfluchte Brille

  1. Nicole sagt:

    Hallo,
    ich bin 46 Jahre, mein Mann ist 48. Wenn das so hinkommt mit der Midlife Crisis des Mannes, dass es so ca 10 Jahre dauert, dann habe ich wohl schon ca 6 Jahre durch…
    Die ersten 4 Jahre habe ich das gar nicht so mitbekommen. Er hat wieder seinen geliebten Kampfsport angefangen. Was ich auch unterstützt habe. Er ist dann so extrem geworden – 5-6 Tage zum Sport usw…das übliche, was sie zu diesem Thema geschrieben haben. Irgendwie bin ich gar nicht auf den Trichter gekommen, dass das da schon los ging! Auch das „sich messen mit jüngeren“ auch bei jüngeren Sportkolleginnen. Er ist aber niemals fremdgegangen! Nur es war übertrieben und hat jetzt auch eben festgestellt, dass die Jungen Leute auch so ihre Macken haben 😉
    In den letzten 2 Jahren war es denn zu extrem mit den Launen. Letztes Jahr im Dezember haben wir uns erstmal räumlich getrennt. Einfach, damit er zu Ruhe kommt, nachdenkt usw. , Es ist aber noch schon so viel besser geworden. Wir unternehmen viel, auch Zärtlichkeiten werden ausgetauscht…Trotzdem ist da noch die Blockade, diese Unzufriedenheit mit sich und das Gefühl des nicht mehr lieben könnens. Er will es ja so auch nicht. Er möchte mich auch definitiv verletzen… tut er aber!! Wie kann ich ihn also unterstützen? Habt ihr Tricks und Tipps wie wir die restlichen MC-Jahre noch überstehen und dann wieder evtl. harmonisch zusammen zu leben?
    Habe auch von einem anderen Mann gelesen, der das auch selbst durchmacht und dass das keine Zuckerschlecken für den Mann ist…
    LG und freue mich über eine Antwort…
    Nicole

    • Ina Ewers sagt:

      Ich fürchte, es gibt weder Tricks noch Tipps, liebe Nicole. So lange er sich nicht unterstützen lassen will, geht gar nichts. Und wenn Hilfe von beiden gewünscht wird, könnte eine Paartherapie helfen. Ihnen ganz viel Kraft.

      Ihre Katharina

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